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Wir werden weniger


Wir werden weniger. Bis 2050, so eine Studie der Vereinten Nationen, schrumpft die Bevölkerung in Deutschland um ein Drittel auf 58,8 Millionen. Der demografische Wandel erreicht schon jetzt unseren Alltag – und wir fangen an zu begreifen, was da auf uns zukommt. Weniger Menschen, weniger Konsumenten, weniger Arbeitskräfte – was bedeutet das für die Wirtschaft, für die Umweltbelastung, für die Lebensqualität? Kann eine schrumpfende Bevölkerung steigenden Wohlstand produzieren? Kann eine Volkswirtschaft ohne Wachstumserwartungen überhaupt funktionieren?

Deutschland hat neben Slowenien die niedrigste Geburtenrate der EU. Auf tausend Einwohner kamen im Jahr 2003 nur 8,7 Geburten, selbst im Kriegsjahr 1945 wurden mehr Kinder pro Einwohner geboren. Von den 82,5 Millionen Bundesbürgern sind 18 Prozent Rentner – die Gruppe der Ruheständler ist so groß wie die gesamte Bevölkerung Ostdeutschlands. Sieben Millionen Menschen zogen in den vergangenen zehn Jahren zu.

Schon bald wären noch mehr Einwanderer nötig, um die niedrigen Geburtenraten der Deutschen auszugleichen. Es gibt immer weniger potenzielle Mütter. Die geburtenstarken Jahrgänge wachsen aus der Phase der Familiengründung heraus. Zudem wird Zuwanderung künftig anders verlaufen als bisher, der Wettbewerb um junge, qualifizierte Kräfte nimmt zu. Zuzug aus armen Ländern jedoch bedeutet meist hohe Kosten für die Integration. Dass es im Jemen oder in Pakistan viele Geburten gibt, ändert nichts daran, dass hierzulande Kinder fehlen. Man kann das nicht gegeneinander aufrechnen.

Wenn in Deutschland weniger Menschen leben, lassen sich bei konstanten Einkommen weniger Waren – insbesondere des elementaren Bedarfs – verkaufern. Industrieanlagen bleiben ungenutzt. Es trifft vor allem jene Bereiche der Wirtschaft, die von den Härten des globalen Wettbewerbs bisher weitgehend verschont blieben.

Taxifahrer, Friseure oder ähnliche Berufsgruppen hatten einen großen Vorteil gegenüber Beschäftigten in Exportbranchen: Anders als ein Facharbeiter bei VW mussten sie keine Konkurrenz von billigeren Arbeitskräften in Indien oder China fürchten. In einer schrumpfenden Gesellschaft könnte die Ausrichtung auf den Binnenmarkt ein Nachteil sein: Während die Exportfirmen den Konsumentenschwund auf wachsenden Auslandsmärkten ausgleichen können, müssen alle anderen auf die Kaufkraft der älter werdenden Kundschaft – Rentner und Witwen – hoffen.

Viele Unternehmen stellen sich bereits um. Statt Babywindeln werden Inkontinenzhilfen für ältere Menschen mit Blasenschwäche produziert. Hersteller von Babybrei setzen auf Mahlzeiten für Menschen mit dritten Zähnen. Marketing-Abteilungen umwerben jetzt mehr die „Generation Golfplatz" und nicht mehr so sehr die „Generation Golf".

Noch wird in Deutschland eher darüber debattiert, ob hohe Pensions- und Rentenzahlungen in den schwierigen Jahren nach 2015 zu Lasten von Bildung und Forschung gehen. Oder ob die höheren Ausgaben für das Alter aus dem Verteidigungsetat entnommen werden.

Doch für die Staatsfinanzen der Zukunft sind nicht allein die Sozialkosten entscheidend, sondern vor allem Wachstum, Produktivität und Innovationskraft der künftigen Gesellschaften. Dafür ist die demografische Entwicklung wichtig – aber entscheidender als die Frage, ob die europäischen Industrieländer altern, ist die Frage, wie sie altern: mit oder ohne qualifizierte und motivierte ältere Arbeitnehmer, mit oder ohne sanierte Sozialsysteme, mit oder ohne eine Bildungspolitik, die alle vorhandenen Ressourcen nutzt, mit oder ohne Zuwanderung, mit einer verbesserten Familienpolitik oder ohne.

Amerikanische Think Tanks (Denkfabriken) unterstellen, dass ein Niedergang der alten Welt unvermeidbar sei. Damit ist Europa und vor allem die führenden Nationen wie Deutschland, Frankreich und die Benelux-Länder gemeint. Ob es tatsächlich so weit kommt, liegt an den Europäern, denen von den bigotten Bush-Amerikanern Dekadenz vorgeworfen wird.