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Vorteil oder Nachteil?


Die meisten Wirtschaftswissenschaftler gehen davon aus, dass Bevölkerungsrückgang durchaus mehr Wohlstand und mehr Lebensqualität bedeuten kann. Für die Wirtschaft sind schrumpfende Bevölkerungen und entleerte Regionen keine wirklichen Herausforderungen - nicht die Schrumpfung, sondern die Alterung ist die demografische Herausforderung.

Auch der Volkswirtschaftsprofessor Bert Rürup, Regierungsberater und Wirtschaftsweiser, ist davon überzeugt, dass Wirtschaft und Wohlstand trotz des demografischen Wandels wachsen können. Wir werden dann vermutlich weniger Geld für Autos oder Immobilien ausgeben und mehr für Pflege und Gesundheitsleistungen. Für die Wachstumsraten einer Volkswirtschaft ist das allerdings völlig gleichgültig. Für die Höhe des Bruttosozialprodukts macht es keinen Unterschied, ob die Unternehmen Schaukelpferde oder Schaukelstühle produziert.

Ein Beispiel kann den Optimismus der Volkswirtschaftler verständlicher machen. Man stelle sich vor, eine Stadt würde über Nacht die Hälfte ihrer Einwohner verlieren. Alle Häuser, Schulen, Autos, Parkplätze und Bäume blieben unverändert stehen, nur die Hälfte der Menschen wäre verschwunden. Die ökonomische Konsequenz wäre, dass Einkommen und Besitz der Verbleibenden zunächst deutlich steigen würde. Rein rechnerisch könnte jeder über die doppelte Menge Geld und die doppelte Zahl an Kühlschränken, Fernsehern und Wohnfläche verfügen.

Andere Effekte kämen hinzu, auch nachteilige, und würden auf Dauer die Lebensbedingungen beeinflussen. Das Angebot an Waren, die Zahl der Arbeitgeber und der Konsumenten würde sich verschieben und damit die gesamte ökonomische Struktur verändern. Deshalb sind die endgültigen Folgen für den Einzelnen nur sehr schwer vorauszusagen. Aber das Beispiel zeigt, dass eine Gesellschaft allein durch den Rückgang ihrer Bevölkerung nicht automatisch ärmer wird, denn zunächst verfügen weniger Menschen über mehr Ressourcen.

In beiden Teilen Deutschlands war die Verkehrs- und Infrastrukturpolitik jahrzehntelang nur auf Wachstum ausgerichtet. Weil es in den industriellen Ballungsräumen zu wenig preisgünstigen Wohnraum gab, half der Staat mit Pendlerpauschale und Eigenheimzulage. Die Stadtgrenzen wurden mittels Städtebauförderungsgesetz usw. ausgeweitet, solange, bis es zuviel Wohnraum gab. Die westdeutschen Politiker gewöhnten sich daran, dass Wirtschaftswachstum die Lösung von Verteilungskonflikten einfacher macht – beim Straßenbau, bei der Ausweisung von Bauland, bei der Denkmalpflege.

Und in Ostdeutschland wurde nach der Einheit alles überdimensioniert geplant - Gewerbegebiete und Wohnviertel, Kläranlagen und Straßen. Die Stadtverwaltungen investierten, als würden sie in Kürze die Verdoppelung ihrer Einwohnerzahlen erwarten. Das war ein katastrophaler Fehlschluss.

In einigen ostdeutschen Städten kann man die Folgen heute riechen. In Cottbus- Sachsendorf – ein neu errichteter Stadtteil - liegt oft ein fauliger Geruch in der Luft. Der Druck in den Abwasserleitungen ist zu schwach, weil es zu wenige Anlieger gibt. Die Rohre verkeimen und wachsen zu. Die Siedlung wurde für 30.000 Menschen angelegt, heute leben noch 16.000 hier. Die Kosten für die Umrüstung der Kanalisation werden auf 12 Millionen Euro geschätzt. Ein Beispiel für eine Infrastruktur, die zu einer schrumpfenden Bevölkerung nicht mehr passt. Manchmal kostet es Geld, weniger zu werden.