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Völkerwanderung


Völkerwanderung im engeren Sinn sind die Züge der überwiegend germanischen Stämme nach Süd- und Westeuropa, die ihren Höhepunkt im 4. bis zum 6.Jahrhundert n.Chr. fanden. Frühere germanische Wanderungen gab es schon vor der Zeitenwende (z.B. der Zug der Kimbern und Teutonen im 2.Jahrhundert v.Chr.). Mit ihrer Abwanderung von der Weichselmündung zum Schwarzmeerraum lösten die Goten im 2.Jahrhundert n.Chr. eine weitere größere Völkerverschiebung aus.

Die großen, das nordalpine Europa umfassenden Wanderungsbewegungen wurden durch den Ansturm der Hunnen ausgelöst. Der Anfang war im Jahre 373 n.Chr. die Vernichtung des Ostgotenreiches auf dem Territorium der heutigen Ukraine. Aber erst in den folgenden Jahrzehnten bewirkte die Bedrohung durch die Hunnen die Abwanderung geschlossener Volksstämme.

An den Grenzen Ostroms war die Invasion der Hunnen nach der Vertreibung der Goten und der Zerstörung ihres Reichs zum Stehen gekommen. Der Verdrängungsdruck der hunnischen Reiterscharen richtete sich gegen die nordalpinen Germanenstämme, die nach Westen und nach Italien auswichen.

Die Hunnen konnten in den eroberten Gebieten nicht heimisch werden. Der Grund dafür lag in dem unausweichlichen Zwang zur Veränderung der nomadischen Lebensweise. Die Hunnen lebten früher in unendlich weiten flachen Ländern, solche geographische Territorien gab es in Europa nicht. Die Hunnenkönige waren nicht in der Lage, ihre ethnisch zusammengewürfelten Volksstämme zur Sesshaftigkeit zu zwingen. Alle Versuche, angemessene Ordnungsstrukturen zu schaffen, scheiterten.

Die Völkerwanderung war eine bedeutsame Entwicklungsepoche im historischen Europa. Der Name kennzeichnet den Einbruch germanischer Völkerschaften ins römische Imperium. Am Ende dieser Epoche sind seither unbekannte Volksstämme in das Blickfeld der Geschichte geraten, während die antiken mittelmeerischen Zentren, Athen und Rom, ihre Bedeutung verlieren.

Die Völkerwanderung stand mit dem lang andauernden Niedergang des weströmischen Kaiserreiches in einem vielfältigen Wechselverhältnis. Die Krise Roms hatte viele innere Gründe. Die entscheidenden Anstöße kamen jedoch von außen und erschütterten die Mittelmeerwelt, so dass am Ende sowohl die staatliche Organisation als auch die römische Kultur verfiel. Bevölkerungsrückgang und Epidemien, wirtschaftliche Belastungen durch die vielen Kriege führten zu Korruption und sozialen Schwierigkeiten.

Das dekadent gewordene Rom brauchte kampfkräftige Soldaten, die auch als Siedler die römischen Provinzen bestellten. Kräftezuwachs aus der Barbarenwelt war ein politisches Ziel, das aber sehr bald an der Unvereinbarkeit der gotischen und der römischen Lebenswelten scheiterte. So blieb nur der Versuch, die barbarischern Goten außerhalb der römischen Grenzen zu befrieden, ihnen bei der Errichtung einer staatlichen Ordnung zu helfen und durch materielle Hilfe ruhig zu stellen, um auf diese Weise den römischen Frieden (Pax Romana) zu sichern.

Schwerwiegend für die weitere Entwicklung war der Aufbruch einer ungeordneten Völkerwelle – Wandalen, Hasdingen, Quaden und Alanen – die über den Rhein nach Gallien zog. Das Land und die Hauptstadt Trier wurden ausgeplündert. Nach Kämpfen mit den Franken zogen sie weiter nach Spanien. Dort errichteten sie Reiche, die dann unter dem Ansturm der muslimischen Araber nach dem Jahr 711 zusammenbrachen.

Die Bildung germanischer Reiche auf dem Territorium des zerfallenden römischen Imperiums war von machtpolitischen Einzelinteressen geprägt und immer nur von kurzer Dauer. Zu Beginn des 5.Jahrhunderts zeichnete sich die Zuwanderung der Ostgermanen nach Westen ab. Das bestimmte das Schicksal des westlichen Teils des römischen Imperiums. Nach dem Tod des oströmischen Kaisers Theodosius drifteten die Reichshälften immer mehr auseinander. Während Westrom zerfiel, stabilisierte sich das byzantinische Kaiserreich. Wirtschaft, Finanzen, Handel und alles öffentliche und religiöse Leben hatten in der Zeit der Wanderungsbewegungen kaum eine Einbuße erlitten.

Mit der Eroberung Italiens durch die Langobarden ging die germanische Völkerwanderung zu Ende. Das ursprüngliche Ziel war nicht die kriegerische Eroberung, sondern die Aufnahme in das bestehende römische Imperium. Sie wollten die Vorzüge und die zivilisatorischen Errungenschaften der römischen Welt auch für sich. Sie suchten die Eingliederung und gleichberechtigte Teilnahme. Diese Ziele konnten nicht erreicht werden. Das römische Staatswesen war nicht fähig, die zuwandernden analphabetischen und unzivilisierten Barbaren zu integrieren. Den Eroberern blieb nur die unvollkommene Nachahmung bis sie schließlich nach Jahrhunderten zu einer eigenen Kultur fanden.

Mit der Kaiserkrönung Karls des Großen begann in den weströmischen Territorien nördlich und südlich der Alpen ein neues Zeitalter, auch wenn das Erbe des Imperium Romanum noch nicht voll genutzt werden konnte.

Das oströmische Byzanz – umbenannt in Konstantinopel – konnte die abendländische Tradition nur teilweise verkörpern, es wurde aus ethnischen Gründen immer orientalischer. Aber es überlebte Westrom um viele hundert Jahre. Untergegangen ist es erst 1453.