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Versäumnisse


In Deutschland gibt es jetzt mehr Alte als Junge. Dass dieser Wandel bevorstand ist schon seit langem bekannt und wurde immer wieder beredet. Nur beredet – denn getan wurde so gut wie nichts.

Die Wirtschaft, die öffentliche Hand und auch die offiziellen Institutionen, die mit Menschen zu tun haben, verpassen die großen Chancen, die der demografische Wandel bieten könnte. Der Wirtschaft z.B. gehen die Marktchancen und damit viele Millionen Kunden verloren.

In Japan, eine Volkswirtschaft mit genau den gleichen demographischen Problemen, hat man sich längst auf die Veränderungen eingestellt. Die japanische Wirtschaft wendet sich schon lange an ein älteres Publikum, das sich mit Tai Chi oder Aerobic fit halten will. Es war leicht, sich diese zahlungskräftige Kundengruppe zu erschließen. In Japan spielt die ältere Generation im gesellschaftlichen Bewusstsein ohnehin eine viel wichtigere Rolle als in Deutschland. Dort spricht man von der "Gesellschaft des langen Lebens".

In Deutschland dagegen leben die älteren Menschen aus der Sicht der Wirtschaft und der öffentlichen Verwaltung eher am Rande. So als ob die Omas zuhause auf dem Sofa sitzen würden, Rosenkranz betend und Strümpfe für die Enkelchen strickend … (Für die Enkelchen, von denen es immer weniger gibt.)

Auch was ihre Mitarbeiter angeht, haben viele Unternehmen die Zeichen der Zeit noch nicht erkannt. Die Regel ist immer noch ein ausgeprägter Jugendwahn. In 41 Prozent der deutschen Unternehmen gibt es keine Arbeitnehmer mehr, die älter als 50 Jahre sind. Statt die Erfahrungen älterer Arbeitnehmer zu nutzen, wurden noch vor kurzem alle Frühverrentungsmöglichkeiten ausgenutzt. Dabei ist längst klar, dass es zukünftig demografisch bedingte Änderungen in der Alterstruktur der Erwerbstätigen geben muss. Die Verlängerung der Laufzeit des Arbeitslosengeldes I dürfte letztlich dazu führen, dass sowohl Arbeitnehmer als auch Arbeitgeber wieder verstärkt von den Frühverrentungsmöglichkeiten Gebrauch machen.

Die bundesdeutschen Arbeitsmarkt-Experten klagen schon jetzt über einen akuten Facharbeitermangel. Der Deutsche Industrie und Handelskammertag (DIHK) befürchtet ab 2010 aus diesem Grunde eine unmittelbar wirkende Wachstumsbremse, weil zu viele – insbesondere hochwertige Arbeitsplätze nicht besetzt werden können.

Auch der Politik ist es noch nicht gelungen, ein umfassendes gesellschafts- und arbeitsmarktpolitisches Konzept zu entwickeln. Der demografische Trend ist für die nächsten Jahrzehnte unumkehrbar. Alle Leistungen und Maßnahmen der Politik, die den Auswirkungen der demografischen Entwicklung entgegenwirken sollen, versickern vor allem deshalb, weil sie als Mitnahmeeffekte genutzt werden und deshalb ihrer Aufgabe nicht gerecht werden können.

Eine konzertierte Aktion aller gesellschaftspolitisch bedeutsamen Institutionen ist nicht in Sicht. Familien-, Bildungs- und Gesundheitspolitik müssten Teil einer gemeinsamen Arbeits-, Sozial- und Wirtschaftspolitik sein.

Die Große Koalition kennt die Probleme durchaus, sie schafft es aber nicht, ihre Maßnahme-Ideen zu bündeln. Sonntagsreden und Talkshows darüber gibt es zuhauf. Aber es scheint, als ob die beiden Koalitionspartner nur darauf warten, dass der jeweils andere Partner einen Fehler macht, um daraus eigene Vorteile zu ziehen. Das ist nicht im Sinne der Bürger – weder der jungen noch der älteren … Und so war auch die Große Koalition nicht gedacht.

Bedauerlich, dass Regierung und Opposition, Parteien und Gewerkschaften, Arbeitnehmer und Arbeitgeber um eines billigen Populismus willen die notwendigen Reformen immer mehr in den Hintergrund schieben.