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Vergreiste Republik


Deutschland verliert jährlich 200.000 Einwohner, da mehr Menschen sterben als geboren werden. Es wächst ein demografisches Problem ungeheuren Ausmaßes heran, doch die Politiker ignorieren es.

Deutschland altert unaufhaltsam, und es altert so schnell, dass sogar massive Zuwanderung oder ein neuer Geburtenboom diesen Prozess allenfalls leicht bremsen könnte. Die Langzeitprognosen der Vereinten Nationen sind in der Regel sehr treffsicher. Die Alten von morgen sind schließlich heute schon auf der Welt.

Beim Umgang von Alt und Jung stimmt etwas nicht in Deutschland, es läuft etwas falsch in den Personalabteilungen, in den Kreditinstituten, an den Universitäten, in der Politik. Wie soll man es auch verstehen, dass der 76-jährige Alan Greenspan als amerikanischer Notenbankchef die internationalen Finanzströme lenkt, aber bei einer deutschen Bank wegen seines fortgeschrittenen Alters keinen Kredit bekommen würde? Bei vielen Banken gibt es eine strikte Altersgrenze von 70 oder 68. Wer älter ist, wird abgelehnt.

Wie soll es einleuchten, dass Innenminister Otto Schily zwar als 70-Jähriger eines der wichtigsten Ressorts der Regierung leiten kann, dass ebendiese Regierung aber 58-jährige Arbeitslose nicht mehr in ihren Statistiken vermerkt? Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung ergab, dass in kaum einem Industrieland so wenige Menschen über 55 beschäftigt sind. Nur jeder dritte Mann zwischen 60 und 64 in Deutschland ist noch berufstätig, in den Vereinigten Staaten ist es jeder zweite.

Außenpolitiker der Vereinigten Staaten, der einzigen Industrienation mit steigender Einwohnerzahl, verweisen gern auf ihre hohe fertility rate – wörtlich übersetzt: die Fruchtbarkeitsrate – und preisen die Jugendlichkeit ihrer Nation als Garant für Innovationskraft und Dynamik.

Chinesen reden ganz selbstverständlich von Europa als „vergreisendem Kontinent" – obwohl ihnen die eigene Politik der strengen Geburtenkontrolle vermutlich bald ähnliche Probleme schaffen wird.

Israelis haben den Kinderreichtum der Palästinenser fest im Blick: Die palästinensischen Frauen bringen durchschnittlich 6 Kinder zur Welt, die israelischen Frauen kommen im Schnitt auf 2,9 Geburten. In 50 Jahren wird es in Israel mehr Palästinenser als Israelis geben.

In Deutschland würde wahrscheinlich der Streit über die Osterweiterung der Europäischen Union völlig anders verlaufen, wenn demografische Argumente zählen würden. Denn nirgendwo ist der Geburtenrückgang so dramatisch wie in den Ländern des ehemaligen Ostblocks. Aus diesen Ländern werden jedenfalls die Pflegerinnen nicht kommen, die sich in 20 bis 30 Jahren um die alten und kranken Deutschen kümmern sollen.

Das größte Versäumnis aber ist ein anderes: Keiner Partei und keinem wissenschaftlichen Institut ist es bisher gelungen, ein Bild der Gesellschaft von morgen zu entwerfen. In 20 Jahren werden die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen. Die Frage ist, was wird sich ändern – Lebensgefühl, Risikobereitschaft, Unternehmergeist, Verteilungskämpfe – wenn mehr als ein Drittel der Einwohner Deutschlands über 60 Jahre alt ist? Seit Jahren diskutieren Mathematik-Experten über die ideale Rentenformel für die Zeit nach 2010. Eine Vorstellung der Welt von morgen entstand dabei nicht.

Das Institut für Weltwirtschaft in Kiel rechnet mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung Deutschlands um jährlich 0,4 bis 1,0 Prozent. Nicht nur die Bildungsmisere von heute wird morgen den Wohlstand schmälern. Vielen ist immer noch nicht klar, dass der demografische Wandel neben der staatlichen Rente auch die verschiedensten Varianten privater Vorsorge trifft. Wenn die heutigen Berufstätigen in Rente gehen, werden sie ihre Aktien und Immobilien verkaufen müssen, um ihren Ruhestand zu finanzieren.

Der Verteilungskonflikt zwischen Arm und Reich wird nicht durch Interessengegensätze von Jungen und Alten überdeckt. Es wird beides geben: Verteilungskämpfe zwischen Arm und Reich und zwischen Jung und Alt – und sie werden härter ausgetragen als bisher. Altersarmut ist eine Ausnahmeerscheinung, hohe Vermögenseinkünfte allerdings auch.

Die künftigen Renten werden niedriger sein – Verlierer sind dann die Langzeitarbeitslosen und die Langzeitstudenten von heute, auch die gering verdienenden Selbstständigen. Sie zahlen in die Rentenkassen kürzer ein und erwerben weniger Ansprüche.

Eine Idee, wie eine „Drei-Drittel-Gesellschaft" – ein Drittel Kinder und Jugendliche, ein Drittel Berufstätige, ein Drittel Rentner – funktionieren kann, gibt es noch nicht. Vielleicht sollte am Anfang die Einsicht stehen, dass nicht die Rentner von heute den Jüngeren von heute etwas zumuten, wie das aktuelle Geschrei vermuten lässt. Denn:

„Die Alten von morgen sind das Problem."