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Unterwanderung


Mitte der 50er Jahre bis Mitte der 60er Jahre waren die SPD und die Gewerkschaften das Ziel von Unterwanderungsversuchen durch die SED. Diese Bemühungen setzten verstärkt ein, nachdem die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) durch das Bundesverfassungsgericht wegen Verfassungsfeindlichkeit verboten worden war.

Die Unterwanderungsbemühungen geschahen im Wesentlichen auf zwei Ebenen. Zum ersten auf der örtlichen Ebene, indem KPD-Funktionäre den Kontakt zu Sozialdemokraten suchten, um in gemeinsamen Veranstaltungen und Aktionen gegen politische Maßnahmen der Bundesrepublik (Wiederbewaffnung, Militär) und insbesondere gegen die amerikanische Besatzungsmacht zu demonstrieren.

Zum zweiten war es die direkte Ansprache von einzelnen ausgesuchten SPD-Funktionären. Ich persönlich erhielt jahrelang Briefe vom SED-Parteisekretär des Kreises Strausberg in der Nähe von Berlin. Im Kreis Strausberg liegt Pankow – Regierungssitz der DDR und außerdem die SED-Hochschule Karl-Marx. Ich habe diese Briefe nie beantwortet.

In dieser Zeit habe ich mehrfach angebahnte Kontakte zwischen den örtlichen Kommunisten und einigen Mitgliedern der SPD zerschlagen und zumindest eine geplante gemeinsame Veranstaltung verhindert.

In dieser Zeit war ich in Mannheim im technischen Bereich einer Zeitung tätig. Insofern wurde der Versuch gemacht, mich in eine angeblich überparteiliche Gruppe namens SoPo (Sozialistische Politik) hineinzuziehen. Darin waren einige SPD-Leute, Gewerkschafter von der IG Metall, Betriebsräte aus verschiedenen Großbetrieben. Die Gruppe hatte soviel Geld, dass sie eine eigene Zeitung namens Sozialistische Politik herausgeben und kostenlos verteilen konnten. Auch diese Gruppe scheiterte.

Ein halbes Jahr nach dem Mauerbau habe ich mit einer Gruppe des Rings politischer Jugend Berlin besucht. Es waren alles politische Funktionäre. Von den Leuten vom West-Berliner Senat wurde uns empfohlen, das Büro der Freiheitlichen Juristen aufzusuchen, falls wir die Absicht hätten, auch Ostberlin zu besuchen.

In diesem Büro in der Nähe der Gedächtniskirche waren sehr viele aufblätterbare Schautafeln mit den Namen von Leuten, die in der DDR entweder verurteilt oder sonst unerwünscht waren. Bei den Unerwünschten fand ich auch meinen Namen mit dem Zusatz „Feind der Vereinigung der Arbeiterklasse". Die Berliner Senatsleute haben mir empfohlen, nicht nach Ostberlin zu gehen. Denn vermutlich käme ich gar nicht durch die Mauer und wenn doch, dann hätten die Vopos bestimmt bei der Rückkehr gemerkt, wer ich bin. Und dann hätte ich sicher eine Menge Ungelegenheiten.

Die Unterwanderungsversuche waren im Prinzip nicht sehr erfolgreich. Trotzdem hatten die DDR-Menschen – entweder Ministerium für Staatssicherheit oder die Abteilung West der SED - einige Sozialdemokraten umgedreht bzw. Schläfer eingeschleust. Ich kannte mindestens zwei, die aus der DDR jeden Monat Geld bekamen (100 DM waren damals so etwa ein halber Monatslohn).

Günter Guilleaume war ein Schläfer. Als ich ihn zum ersten Mal bei einer Schulungsveranstaltung traf, war er als Fotograf bei einer Zeitung beschäftigt. Er war damals unauffällig und gab sich mehr als ein rechtsstehender Sozialdemokrat. Ich wäre niemals auf die Idee gekommen, dass er ein DDR-Spion sein könnte.

Die ehemalige staatliche Nachrichtenagentur der DDR, „ADN Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst" hatte in den 50er/60er Jahren ein eigenes Büro in Mannheim. Es war wohl in der Hauptsache Informant für den Nachrichtensender der DDR „Freiheitssender 904", der insbesondere gezielt in die Räume Frankfurt/ Mannheim/ Karlsruhe sendete. Zumeist waren es maßlos aufgebauschte Nachrichten aus dem Industrieleben, bevorzugtes Überwachungsziel war Daimler-Benz, dessen Betriebsrat damals noch fest in der Hand der Kommunisten war.