Home
Nach oben

Tsunami 2004


Ursachen und Prognosen

Vermutlich gehört das Seebeben im Indischen Ozean zur Kategorie „tausendjähriger Ereignisse“. Tausend Jahre sind eine ziemlich lange Zeit. Aber es gibt eine größere Zahl solcher Szenarien und die Wahrscheinlichkeit, dass eines davon eintritt, ist entsprechend groß. Es ist also durchaus möglich, dass in relativ kurzer Folge gleich zwei oder noch mehr Jahrtausendkatastrophen eintreten.

Eine vergleichbare Situation wie im indischen Ozean gibt es auch entlang der Küste von Kalifornien – der San-Andreas-Graben. Dort wird im Laufe der nächsten Jahre ein gewaltiges Erdbeben befürchtet. Das würde Großstädte wie San Francisco und Los Angeles und den ganzen dichtbevölkerten und hoch entwickelten Staat Kalifornien betreffen.

Ausgangspunkt der tektonischen Plattenverschiebung – Ursache der Erdbeben – ist die vulkanische Tätigkeit des mittelatlantischen Rückens, der von Island aus über die Azoren und Madeira in Richtung Kapverden verläuft. Der mittelatlantische Rücken wächst und drückt deshalb die tektonischen Platten auseinander. Die Entfernung zwischen Nordamerika und Europa wird jedes Jahr um einige Zentimeter größer. Dieser Druck findet Widerstand an anderen Bruchstellen – so zum Beispiel an der Bruchstelle vor Sumatra, das sich dann in einem gewaltigen Seebeben der Stärke 9 äußerte.

 

Epizentrum vor Sumatra

Dass das Gebiet des nordöstlichen indischen Ozeans stark erdbebengefährdet ist, wusste man. Allerdings wurde die malaysische Halbinsel nicht als Tsunami-Küste betrachtet. Das Meer ist dort sehr flach und man ging davon aus, dass die Wellen ausbranden. Das Problem war, dass das Epizentrum dieses gewaltigen Seebebens sehr nahe an der Küste war.

Andererseits ist der überflutete Abschnitt ein relativ dünn besiedeltes Gebiet. Es hätte mit Verlusten an Menschenleben sehr viel schlimmer kommen können, denn im südöstlichen Bereich des indonesischen Archipels liegen Regionen, die extrem dicht besiedelt sind.

 

Angepasste Bauweise hätte helfen können

Ein wichtiges Thema bei der Aufarbeitung der Flutkatastrophe ist die Qualität der Bauleitplanungen in den betroffenen Ländern. Trotz der Annahme, dass sich vieles auf gewachsene Jahrhundertalte Strukturen stützt, war eine Vorsorge gegen Flutkatastrophen nirgendwo vorgesehen. Mit Sicherheit hätte eine andere Bebauung bzw. eine andere Bauleitplanung bei der jetzigen Katastrophe viel Unheil verhindern können.

Die zerstörte Zone beschränkt sich im Wesentlichen auf die ersten 500 Meter der Küste. Danach war die Wucht des Wassers gebremst. Das zeigt erstens: Mit einer Viertelstunde Vorwarnzeit hätten die meisten Menschen davonlaufen können. Und zweitens: Hotels bis an die vorderste Strandzone zu bauen, macht keinen Sinn, sondern ist extrem gefährlich, wie sich jetzt erwiesen hat. Sinnvoller wäre es, weiter ins Landesinnere die Hotels zu bauen – auch wenn die Touristen dann ein paar hundert Meter zu Fuß zum Strand gehen müssen.

 

Naturereignisse werden zu Naturkatastrophen

Nach statischen Berechnungen ist die Zahl der Katastrophen in den vergangenen dreißig Jahren um den Faktor drei gestiegen. Daraus zu schließen, dass die Erde immer wilder und unruhiger wird, ist allerdings nicht richtig, denn die Zahl der Naturereignisse ist gleich geblieben, aber immer häufiger werden daraus Naturkatastrophen. Viele Ereignisse bekommen wir gar nicht mit. Eine Woche vor dem Seebeben an Weihnachten 2004 gab es in der Antarktis ein Beben der Stärke 8,1. In der Antarktis gibt es nur Pinguine, aber keine Menschen, also war das keine Katastrophe.

Aber die statistische Wahrscheinlichkeit von Katastrophen steigt mit der wachsenden Weltbevölkerung. Die moderne Gesellschaft wird zugleich  immer verwundbarer. Das Zusammenleben der Menschen ist in steigendem Maße von einer funktionierenden Infrastruktur abhängig.

Bei jedem Naturereignis werden immer mehr Menschen betroffen. Dazu kommt die immer stärkere Konzentrierung der Bevölkerung in weiter wachsenden Millionenstädten der dritten Welt. Viele Städte liegen in Risikozonen, zum Beispiel an Küsten, weil dort die wirtschaftlichen Aussichten am günstigsten sind. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis ein starkes Beben direkt unter einer Millionenstadt mehrere hunderttausend Todesopfer fordert, wie 1976 das Beben in Tangshan in China.

Das teuerste Erdbeben aller Zeiten – 1995 im japanischen Kobe mit wirtschaftlichen Schäden von 100 Milliarden Dollar – war ein Beispiel dafür, wie ein Land, das scheinbar am besten auf Katastrophen vorbereitet ist, völlig überrascht werden kann. Die Japaner hatten es nicht für möglich gehalten, dass sie so verwundbar sind.

 

Gefährdete Regionen

Verlässliche Prognosen über zukünftige Katastrophen sind kaum möglich. Aber es gibt Regionen, in denen die Wahrscheinlichkeit zunimmt – zum Beispiel Istanbul. Langjährige Untersuchungen haben ergeben, dass die Erdbebenherde in Kleinasien im letzten Jahrhundert immer weiter nach Westen gewandert sind. Das letzte Erdbeben im Jahre 1999 in Izmit kam Istanbul schon sehr nahe. Die Wahrscheinlichkeit ist sehr groß, dass der nächste große Erdstoß unmittelbar in der Region um die Millionenstadt Istanbul stattfindet.

In manchen Gebieten war es lange Zeit sehr ruhig. In Südamerika gab es mehrere Jahrzehnte lang keine wirklich heftigen Erdbeben. In Mittel- und Südamerika gibt es eine ganze Reihe zum Teil noch tätiger Vulkane, die an der tektonischen Bruchstelle zwischen der pazifischen und südamerikanischen Platte aufgereiht sind. Könnte möglich sein, dass sich auch dort ein Druck aufbaut, der in nicht allzu ferner Zeit zur Entladung kommt.

In den vergangenen zwanzig Jahren gab es auch im mitteleuropäischen Raum viele Naturereignisse, die durchaus als Katastrophen bezeichnet werden können. Stürme, Überschwemmungen oder die Hitzewelle im Jahr 2003. Wenn es im Großraum Köln oder im Oberrheintal ein mittelstarkes Erdbeben gäbe, würde das zu großen Zerstörungen und zu hohen Menschenverlusten führen. Solche Risiken bestehen auch bei uns. Dazu kommt die Klimaveränderung, die zunehmend auch bei uns zu extremen Wetterereignissen führt. Allerdings sind die Prognosen sehr unsicher. Ob die Temperaturen weiter steigen oder ob nicht sogar eine Eiszeit droht, kann derzeit niemand mit Sicherheit sagen.