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Populorum Progressio


Rerum novarum war die erste päpstliche Sozialenzyklika. Sie wurde im Jahr 1891 von Leo XIII. veröffentlicht. In ihr wurden noch die verderblichen Wirkungen beklagt, die der „Geist der Neuerung" auf politischem und volkswirtschaftlichem Gebiet entfaltet hatte. Damit waren einerseits die Folgen der kapitalistischen Industrialisierung gemeint, die auch hart kritisiert wurden, andererseits aber auch das sozialistische Programm, dem die Enzyklika ein fast unantastbares Recht auf Eigentum gegenüberstellte. So blieb die Haltung der katholischen Kirche zum Kapitalismus ambivalent. Der Sozialismus wurde scharf abgelehnt.

1931 wurde mit der Enzyklika Quadragesimo anno von Pius XI. die alte christliche Eigentumslehre korrigiert und ergänzt, die Praktiken des Monopolkapitalismus wurden scharf verurteilt, aber der Sozialismus wurde weiterhin abgelehnt. Der Entwurf einer so genannten berufsständischen Ordnung - in der Grundkonzeption durchaus demokratisch - musste schon wegen seines Namens und auch wegen seiner allzu diplomatisch verbrämten Kritik am faschistischen Korporativstaat missverstanden werden.

Wiederum 30 Jahre später gewann Johannes XXIII. mit Mater et Magistra den Anschluss an die moderne Volkswirtschaftslehre und auch an die Mitbestimmungsforderungen der demokratischen Gewerkschaften. Das Recht auf Eigentum wurde nun eindeutig dem Recht aller Menschen zur Nutzung der Erdengüter untergeordnet. Entsprechend der Grundhaltung dieses Papstes waren kritische Anmerkungen kaum zu finden. Die Enzyklika blieb deshalb, obwohl sie den Programmen .der demokratischen Linken und der Gewerkschaften sehr nahe kam, von Kritik weitgehend vorschont. Zum ersten Mal waren Wortschatz und Stil so gewählt, dass nicht so sehr die akademische Diskussion katholischer Sozialwissenschaftler befruchtet wurde, sondern der Aufruf zum politischen Handeln im Vordergrund stand.

Demgegenüber geht die Sozialenzyklika Pauls VI. einen anderen Weg. Populorum progressio leistet keinen Beitrag zur weiteren Systematisierung der katholischen Soziallehre, so dass die Verfechter eines abgeschlossenen katholischen Systems wenig Neues finden. Umso brisanter ist die praktische Wirkung: Sie nimmt die alte Kapitalismus-Kritik wieder auf, ohne sich wie in früheren Enzykliken gleichzeitig von der Linken zu distanzieren. Da sie den „Fortschritt der Völker" bejaht und die Entwicklung des Fortschritts zum Hauptmotiv politischen Handeins macht, setzt sie sich an die Spitze einer Bewegung, welcher die Gewerkschaften und viele andere Arbeitnehmer-Organisationen häufig misstrauisch gegenüberstanden.

Was den praktischen Stellenwert betrifft, den Paul VI. den Grundregeln des Kapitalismus wie dem Privateigentum an den Produktionsmitteln oder dem freien Markt zuweist, so überholt er hier sogar die westlichen Linksparteien und Gewerkschaften. Dass die Menschheit auf dem Weg ihrer Geschichte voranschreite, wird zum ersten Mal in einem päpstlichen Dokument zustimmend konstatiert.

Im Einzelnen wird der gegenwärtigen Praxis des Welthandels und dem Verhältnis der Industrieländer zu den Entwicklungsländern entgegengehalten, dass das freie Spiels der Kräfte zu einem immer größeren Missverhältnis im Lebensstandard führe und damit die Gegensätze verschärft. Lapidar heißt es „Wenn die Erde da ist, um jedem die Mittel für seine Existenz und seinen Fortschritt zu geben, dann hat jeder Mensch das Recht, auf ihr das zu finden, was er nötig hat … Alle anderen Rechte, ganz gleich welche, auch das des Eigentums und des freien Handels, sind ihm untergeordnet. Sie dürfen seine Verwirklichung nicht erschweren, sondern müssen sie im Gegenteil erleichtern." In diesem Zusammenhang wird Ambrosius, ein Bischof des 4.Jahrhunderts, zitiert: „Es ist nicht dein Gut, mit dem du dich gegen dem Armen großzügig erweist. Du gibst ihm zurück, was ihm gebührt. Denn du hast dir nur herausgenommen, was zu gemeinsamer Nutzung gegeben ist." Da ist nicht verwunderlich, dass das Wallstreet Journal dem Papst Paul VI. marxistische Einflüsse unterstellt.

Zur Industrialisierung heißt es „mit diesen neuen Formen des Lebens ist ein System verbunden, das den Profit als den eigentlichen Motor des wirtschaftlichen Fortschritts betrachtet, den Wettbewerb als das oberste Gesetz der Wirtschaft, das Eigentum an den Produktionsmitteln als ein absolutes Recht, ohne Schranken, ohne entsprechende Verpflichtungen der Gesellschaft gegenüber." Man könne die Wirtschaftsdiktatur, zu welcher der ungehemmte Liberalismus führe, nicht scharf genug verurteilen. Gleichzeitig prangert der Papst „jede öffentliche und private Vergeudung, jede aus nationalem oder persönlichem Ehrgeiz gemachte Ausgabe, jedes die Kräfte erschöpfende Rüstungsrennen" als unerträglichen Skandal an. Konsequenterweise wird die Einrichtung eines Weltfonds für Entwicklungshilfe empfohlen, um dem Neokolonialismus zu entgehen, zu .dem häufig die bilateralen Beziehungen zwischen Industrie- und Entwicklungsländern führen; und es wird begrüßt, dass in manchen Ländern der Militärdienst als Sozial- oder Entwicklungsdienst geleistet werden kann.

Die Motivation, die den Forderungen der Enzyklika zugrunde liegt, hat den Charakter einer Realutopie, wie sie in den westlichen Ländern heute nur selten formuliert wird. „Es geht darum, eine Welt zu bauen, in der jeder Mensch, ohne Unterschied der Rasse, der Religion, der Abstammung ein volles menschliches Leben führen kann, frei von Versklavung von Seiten der Menschen oder einer Natur, die noch nicht recht gemeistert ist." Um diese freie, brüderliche Welt zu errichten, bedarf es nach der Meinung des Papstes gemeinsamer Programme, koordinierter Investitionen, einer optimalen Verteilung der Produktion und einer vernünftigen Organisation des Güteraustauschs.

Populorum progressio (Fortschritt der Völker) verklammert das oft nur deklamatorische Fernziel mit den real vorhandenen Mitteln zu seiner Verwirklichung. Dem Einsatz von Menschen in den Entwicklungsdiensten und dem Einsatz einer wissenschaftlich-technischen Planung, ohne die das Ziel nicht zu erreichen ist. Dass allein .die Kombination von wissenschaftlich fundierter Planung und demokratischer Kontrolle die Bedürfnisse der Menschen befriedigen kann, diese Ansicht teilt die Enzyklika mit vielen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlern. Insofern eilt sie dem gegenwärtigen Bewusstseinsstand der westlichen Industriegesellschaften voraus.