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Neubeginn


Beifall und Zustimmung waren ähnlich und die erbaulichen Reden auch – damals in Mannheim vor mehr als zehn Jahren, als sich Lafontaine an die Spitze der SPD putschte und jetzt in Karlsruhe. Möglicherweise hat sich in Mannheim zum ersten Male die diagonal durch die SPD-Mitgliedschaft laufende Sollbruchstelle gezeigt, die 2006 in Karlsruhe auch nicht gekittet wurde. Die Reden von Platzeck in Karlsruhe und Lafontaine in Mannheim waren ähnlich, aber das ist fast ohne Bedeutung. Denn solche Reden sagen nichts über ihre Autoren aus, aber alles über ihre Zuhörer.

Die Sozialdemokraten – genauer die Delegierten von Bundes- und Landesparteitagen – sind immer noch auf der Suche nach einem Hoffnungsträger. Zwischen den Sozialdemokraten und ihren Delegierten muss man unterscheiden, denn zwischen den Meinungsbildern der normalen Mitglieder und den politischen Vorstellungen der Delegierten liegen Welten. Das ist großenteils der Nachhall der in sich zusammengefallenen 68er-Generation, liegt aber auch daran, dass die höheren örtlichen Amtsträger der SPD sich meistens weigern, überörtliche Parteitage zu besuchen, weil sie diese als Vorhof der Hölle betrachten. Der Parteitags-Ausspruch von Karl Schiller „Genossen, lasst die Tassen im Schrank" gilt darum heutzutage mehr denn je.

So wurde von den Parteitags-Ersatzbänklern in der Zeit nach Willy Brandt eine ganze Reihe von Hoffnungsträgern gekürt – darunter auch der unsägliche Lafontaine – die allesamt zwischen den Mühlsteinen von Tradition und Fortschritt, Pragmatismus und Vision zerrieben wurden. Der einzige, der mit der „Neuen Mitte" und einem „Dritten Weg" seinen Fuß in das riesige Tor zur Zukunft stellte, war Gerhard Schröder. Und der scheiterte letztlich auch an seiner eigenen Partei.

Und jetzt Kurt Beck. Tradition ist für ihn ein Pflichtprogramm wie beim Eiskunstlauf. Wer die infrastrukturelle Entwicklung im ehemals tiefschwarzen Rheinland-Pfalz betrachtet, der sieht, dass für Beck der wirtschaftliche Fortschritt die „Kür" ist, eingebettet in sachlichen Pragmatismus und ohne hochgestochene Visionen. Er ist kein Leitbild für quasireligiöse Ideen-Konsumenten. Mit beiden Beinen fest auf dem Boden und der Kopf ist auch nicht in den Wolken.

Wenn Kurt Beck in der Tradition von Bebel, Schumacher, Brandt Erfolg haben soll, dann braucht er auch die richtige Parteimitgliedschaft hinter sich. Delegierte auf den Parteitagen, die die Sorgen und Nöte ihrer Nachbarn kennen, und die nicht ihren eigenen verqueren Spinnereien nachhängen. Wenn Kurt Beck sich auf allen Ebenen auf Sozialdemokraten stützen kann, die gedankengleich seinem Pragmatismus folgen, dann kann er die Versäumnisse der letzten Jahre aufheben und dann wird ihm und uns allen der Schritt in die Zukunft gelingen.