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Nationale Einheit


Der Wunsch auf nationale Einheit hat seine Wurzeln im Dunkel der früheren deutschen Geschichte. Das schon Jahrhunderte dahinsiechende Heilige Römische Reich Deutscher Nation erhielt seinen Todesstoß durch die protestantische Reformation und es starb endgültig in der Zeit des dreißigjährigen Krieges.

Deutschland war nach den dreißig Kriegsjahren ein religiös hoffnungslos gespaltenes Land, in dem die Anhänger Luthers knapp überwogen. Seine Einwohnerzahl war von 21 auf 13 Millionen gesunken. Die ehemals wohlhabenden Handelsstädte hatten ihren Einfluss und ihren Reichtum verloren. Aus dem 1648 geschlossenen westfälischen Frieden gingen mehr als 300 deutsche Splitterstaaten hervor. Es sah aus, als ob Deutschland für alle Zeiten ,zerstückelt bleiben würde.

Erst im 19.Jahrhundert, nach dem Ende der Napoleonischen Kriege, mit der Bildung des deutschen Bundes und mit dem Zusammentritt der Nationalversammlung in Frankfurt im Jahre 1848 regte sich wieder die Hoffnung auf die nationale Einheit.

Das Ziel der Frankfurter Nationalversammlung war eine Verfassung für Deutschland. In ihr wurde eine Föderation aller deutschen Staaten angestrebt, die als eine konstitutionelle Monarchie konzipiert wurde. Eine fortschreitende Demokratisierung des staatlichen Lebens war vorgesehen, so auch die Wahl des Königs durch das Volk.

Aber diese bürgerliche Revolution von 1848 scheiterte aus vielen Gründen. So erklärte damals der König von Preußen einer Abordnung der Nationalversammlung, er werde sich niemals dazu herablassen, "eine Krone aus der Gosse aufzuheben". Es spricht nicht für die Nationalversammlung, daß sie sich von diesem königlichen Wort beeindrucken ließ. So fand die Deutsche Nationalversammlung nach einem viel versprechenden Anfang ein schnelles und ruhmloses Ende. Es hieß damals, das deutsche Volk habe sie "wie eine Freiheitsgöttin begrüßt, doch nach einem Jahr wie eine Hure verabschiedet".

Die nationale Einheit aller Deutschen bleibt ein Traum. Der Gedanke an einen demokratischen Staat, in dem die Bürgerrechte verwirklicht sind und freiheitliche Gesinnung einen Platz hat, war gestorben.

Die dann folgenden Jahre waren für Deutschland eine Zeit der politischen Reaktion und der Friedhofsruhe. Unter dem Druck der Reaktion war alles politische Leben abgestorben. Zehntausende, die sich 1848 an den Kämpfen beteiligt hatten, wurden als Flüchtlinge ins Ausland getrieben, tausende schmachteten jahrelang in den Zuchthäusern und Gefängnissen der verschiedenen deutschen Vaterländer und kehrten gebrochen, wenn überhaupt, aus denselben zurück.

Was übrig blieb, wurde gezwungen zu schweigen.

Alle politischen Vereine wurden unterdrückt. Bildung und Existenz von Arbeitervereinen wurden durch einen besonderen Beschluss des fürstlichen Bundestages im Jahre 1854 verboten. Das traf auch die in der damaligen Zeit gebildeten Sport- und Gesangvereine, denn Anlass ihrer Gründung war schließlich in den meisten Fällen der Wunsch auf persönliche Anerkennung in einer feudalen, adligen Gesellschaftsordnung. Sie wurden wie die von Adolf Kolping gegründeten katholischen Gesellenvereine und die evangelischen Jünglingsvereine zu einem unpolitischen, bedeutungslosen Leben verurteilt.

Der Obrigkeitsstaat war jetzt geboren. Ihm sollte es unter nationalistischen, militaristischen Vorzeichen gelingen, die Idee der deutschen Einheit zu vollenden. Es war nur eine kleine Lösung, nicht die von den frühen bürgerlichen Bewegungen angestrebte Einheit aller Deutschen. Das 1871 in Versailles gegründete Deutsche Reich entstand unter dem Druck Preußens und seines Kanzlers Bismarck.

Von da an war von Demokratie keine Rede mehr.