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Metallarbeiterverband Wer zu einem 100.Geburtstag spricht, redet von Geschichte. Geschichte ist Vergangenheit. Vergangenheit wiederholt sich, wenn die Akteure der Gegenwart die Fehler ihrer Vorgänger wiederholen. Ich beginne so apodiktisch, weil ich eine unkritische Laudatio auf das 100jährige Bestehen der Metallarbeiterorganisation nicht halten will. Ich will den Deutschen Metallarbeiterverband und die IG Metall, der ich seit Beginn meines Arbeitslebens angehöre, nicht loben, auch wenn ich gemeinsam mit euch mit Stolz auf die 100jährige Geschichte der Metaller, die immer ein wichtiger Teil der Arbeiterbewegung waren, zurückblicke. Martialische Begriffe sind mir fremd, trotzdem muss ich einen solchen Begriff - weil mir kein besserer einfällt - jetzt gebrauchen: Die Metaller waren die Speerspitze der Arbeiterbewegung und sie sind es heute noch. Sie haben die gesellschaftspolitische Entwicklung im damaligen Deutschen Reich, in der Weimarer Republik und in der Bundesrepublik Deutschland entscheidend bestimmt. Die Metaller werden auch die gesellschaftspolitische und ökonomische Entwicklung in den neuen Bundesländern entscheidend mitbestimmen. Die Organisation der Metaller war und ist mehr als ein Verein zur Durchsetzung von höheren Löhnen, kürzerer Arbeitszeit und mehr Urlaub. Die Metaller sind als wichtiger Teil der Gewerkschaftsbewegung eine gesellschaftspolitische Kraft, die das Wirken der Wirtschaft mitbestimmt und die Sozialpolitik des Staates entscheidend beeinflusst .Ein Blick in die Geschichte unserer Organisation zeigt uns Erfolge und Rückschläge, er zeigt uns aber auch die Umrisse der Zukunft, in der wir unsere immer weiter gesteckten Ziele erreichen wollen. Der Blick auf die Entstehung des Metallarbeiterverbandes ist ein Blick in die Geschichte des 19.Jahrhunderts. Die geistesgeschichtliche Entwicklung drängte auf die Ablösung des Feudalismus, sozialphilosophische Ideen wurden geboren, sie konnten sich jedoch nicht durchsetzen, weil sie in erster Linie mit sich selbst in Konflikt lagen. Der Streit um den richtigen Weg zu einem besseren Leben für alle Menschen verzehrte die Kraft der fortschrittlichen Bewegungen, so daß der bereits angeschlagene Feudalstaat sich neu formieren konnte. Die politischen Weichenstellungen des späten 19.Jahrhunderts haben entscheidend dazu beigetragen, daß sich das gesellschaftliche Kräfteverhältnis in Deutschland nicht progressiv verändern konnte, sondern im Gegenteil reaktionär verfestigte. Das deutsche Nationalbewusstsein wurde in den Befreiungskriegen gegen Napoleon erstmals richtig wirksam. Damit aber entstanden Frontstellungen gegen Frankreich und gegen die Ideen der französischen Revolution - eine verhängnisvolle Entwicklung, in deren Konsequenz die bürgerliche Freiheitsbewegung in Deutschland im Jahr 1848 kläglich scheiterte. Die nationale Einigung wurde schließlich 1871 durch Bismarck herbeigeführt. Damit war der alte Obrigkeitsstaat wieder geboren, eine demokratische Entwicklung fand im damaligen Deutschland nicht statt. Das neue Reich bewältigte seine inneren Konflikte durch Ablenkung auf angebliche Reichsfeinde. Nachdem das zunächst angefeindete katholische Zentrum ins Kartell der staatserhaltenden Kräfte aufgenommen worden war, hatte man sogleich einen neuen Feind im Visier: dem Kulturkampf folgte die Unterdrückung der Sozialisten. Sie erreichte ihren Höhepunkt mit dem Sozialistengesetz 1878. Der Kampf gegen die trotz aller Verfolgungen immer stärker werdende, sich politisch in der Sozialdemokratischen Partei organisierenden Arbeiterbewegung ist symptomatisch für die Blockierung progressiver Entwicklungen. Zur Zeit der Reichsgründung saßen die Führer der SPD, August Bebel und Wilhelm Liebknecht im Gefängnis. Sinnfälliger kann kaum zum Ausdruck gebracht werden, daß der neue Staat die Arbeiterbewegung und ihre Ziele in sein politisches Fundament nicht integrieren wollte. Obrigkeitsstaat, Adel und Bürgertum wehrten solche Bestrebungen gemeinsam ab: Die Sozialdemokraten und die gesamte Arbeiterbewegung wurden als "vaterlandslose Gesellen" denunziert. Das waren die ordnungspolitischen Bedingungen in einem Feudalstaat, der immer schneller in ein Industriezeitalter hineinwuchs, ohne die damit verbundenen sozialen Probleme bewältigen zu wollen. Die Könige und Fürsten antworteten auf das Freiheitsstreben ihrer Untertanen mit Repression und Verfolgung. So stand die Arbeiterbewegung wohl geschlossen gegen ihre Unterdrücker, aber in sich waren sie uneinig über den Weg, auf dem sie ihre sozialen und gesellschaftspolitischen Ziele erreichen wollten. Das traumatische Schlüsselereignis war für Unterdrücker und Unterdrückte der Aufstand der Pariser Kommune im Jahr 1871 und ihre blutige Niederschlagung mit duldender Unterstützung der preußischen Armee. Was waren die Auswirkungen der Pariser Kommune auf die Arbeiterbewegung in Deutschland? Überall in den damaligen Industriestaaten verloren die Sozialisten humanistischer Ausprägung ihren Einfluss .Der Sozialismus wurde jetzt von seinen Verfechtern revolutionär verstanden. Die Gedanken von Karl Marx setzten sich durch. Das gleiche geschah auch in Deutschland. Die Ideen Lassalles und des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins mit der ihre Arbeit prägenden Zielrichtung der Integration des Proletariats verloren ihren Einfluß. August Bebel und die Eisenacher Richtung bestimmten fortan die Ideologie der deutschen Sozialdemokratie. Es ist nicht zu bestreiten, daß die Pariser Ereignisse dabei eine wesentliche Rolle spielten. Schon am 23.5.1871 hielt August Bebel eine flammende Verteidigungsrede für die Kommune im deutschen Reichstag: „... und wenn auch Paris im Augenblick unterdrückt ist, dann erinnere ich Sie daran, daß der Kampf in Paris nur ein kleines Vorpostengefecht ist, daß die Hauptsache in Europa uns noch bevorsteht und daß, ehe wenige Jahrzehnte vergehen, der Schlachtruf des Pariser Proletariats: Krieg den Palästen, Friede den Hütten, Tod der Not und dem Müßiggang der Schlachtruf des gesamten europäischen Proletariats werden wird." Während der Beratungen über das Sozialistengesetz von 1878 erklärte Bismarck im Reichstag, daß es diese Rede Bebels gewesen sei, die ihn von der Gefährlichkeit des Sozialismus überzeugt habe. Der "Sozialdemokrat", Zentralorgan der Deutschen Sozialdemokratie im Exil, schrieb am 15.3.1883 zur Zeit des Sozialistengesetzes aus Zürich: "... Ihre politische Aufgabe konnte die Kommune erfüllen, ihre soziale nicht. Ihr ökonomisches Programm ist - dank der damals noch in Frankreich allgemein verbreiteten proudhonistischen Lehren - durchaus unzureichend. Man suchte den Kern des Übels, die Ursache der Ausbeutung nicht in der Produktion, sondern in der Zirkulation. Man wollte das Lohnsystem abschaffen, aber man wußte nicht, wo Hand anlegen; die Parole "Expropriation der Expropriateure", ward noch nicht laut." Die Auswirkungen der Pariser Kommune und ihrer blutigen Niederschlagung waren beträchtlich. Sie veränderten das Erscheinungsbild der Arbeiterbewegung und führten zu ihrer Radikalisierung. Der Einfluß der Lassalleanischen Integrationsidee verlor für lange Zeit an Boden. Der deutsche Reichstag erließ das "Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie", der Allgemeine Deutsche Arbeiter-Verein und die Sozialdemokratische Arbeiterpartei wurden verboten. Die früher am Rande diskutierte Möglichkeit eines Zusammengehens mit der katholischen Arbeiterbewegung war von da an gänzlich unmöglich. Der weitere Weg der Arbeiterbewegungen war jetzt in eine bestimmte Richtung gedrängt. Revolution war jetzt das Ziel. Der Staat wurde zum Feind der Arbeiterklasse erklärt. Das war ganz gewiß eine Entwicklung, die vom Verhalten des Staates und der besitzenden Klasse mitverursacht wurde. Das war eine ideologische Entwicklung der Arbeiterbewegung, die im Taumel nationaler Euphorie mit dem Kriegseintritt 1914 vorübergehend endete. Der Kaiser sprach seinen berühmten Satz "ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche!" Die Sozialdemokraten stimmten den Kriegskrediten zu und die Gewerkschaften - auch die Metaller - verzichteten auf Streiks. Mehr Vernunft und weniger Emotion hätte der Entwicklung der Arbeiterbewegung in den Jahren von 1871 - 1914 eine völlig andere Richtung geben können. Das ist Geschichte. Geschichte ist Vergangenheit. Vergangenheit wiederholt sich nicht, wenn wir bereit sind, aus der Geschichte zu lernen. Es dauerte sehr lange, bis sich in der Arbeitnehmerschaft die Überzeugung verfestigte, daß der Staat immer der Staat der arbeitenden Menschen ist, weil sie es sind, die ihm aufbauen und erhalten. Die Solidarität soll das Band sein, das uns alle umschlingt. Unser Ziel muß sein: "Schaffung einer zentralisierten Metallarbeitervereinigung." Der Aufruf, erschienen in der Deutschen Metallarbeiter-Zeitung im April 1884, war die Initialzündung für die Gründung einer Vereinigung, die in Deutschland die Interessen der Metaller vertreten sollte. Doch der erste zentrale Metallarbeiterverband scheiterte schnell. Aufgrund der Sozialistengesetze wurde die Vereinigung ein halbes Jahr später aufgelöst. Erst mit Abschaffung der Sozialistengesetze, im Herbst 1890, konnten die Gewerkschaftsführer ihre schon lange entwickelten Organisationspläne verwirklichen. Vom 1. bis zum 6.Juni 1891 trafen sich in Frankfurt Metallarbeiter und -handwerker, um den Deutschen Metallarbeiter-Verband (DMV) zu gründen, die größte Vorläuferorganisation der heutigen IG Metall. Während zuvor Berufs- und Statusinteressen im Vordergrund standen, wurde nun die gewerkschaftliche Solidarität aller Metallarbeiter zum Prinzip erhoben. Es sollte weder Unterschiede zwischen Männern und Frauen noch zwischen Hochqualifizierten und Ungelernten geben. Ziele, die damals in der sozialdemokratischen Gewerkschaftsbewegung keineswegs selbstverständlich waren. Sogar bis heute sind sie nicht endgültig durchgesetzt. Die Kolleginnen und Kollegen, die 1891 dem Deutschen Metallarbeiterverband gründeten und damit den Grundstein zu unseren Erfolgen legten, hatten Schwierigkeiten zu überwinden, von denen wir uns heute keine Vorstellung mehr machen können. Sie konnten trotzdem auf eine erfolgreiche Geschichte zurückblicken. Hinter ihnen lag der Sieg über den Bismarckstaat. Ein Erfolg der geeint kämpfenden Arbeiterbewegung in den Jahren des Sozialistengesetzes von 1878 bis 1890. Sie wussten jedoch nicht, wie weit der Weg bis zur vollständigen gesellschaftspolitischen Anerkennung der Gewerkschaften noch war. Die Arbeitsbedingungen in den Fabriken des sich damals rasant industrialisierenden Deutschen Reiches waren verheerend. Die Berichte der Fabrikkommissionen sprechen eine berede Sprache, auch wenn sie je nach Einstellung des Inspektors mehr oder weniger als geschönt betrachtet werden müssen. Lebenserwartung und Gesundheitszustand der Fabrikarbeiter war im Verhältnis zu anderen Bevölkerungsgruppen beschämend niedrig. Dass so viele Fabrikarbeiterinnen und -arbeiter in der Blüte ihrer Jahre sterben mussten, war nicht nur auf den unzureichenden Stand der ärztlichen Wissenschaft und medizinischen Versorgung zurückzuführen, sondern vor allem auf die gesundheitsgefährdenden Arbeitsbedingungen. 12 Arbeitsstunden waren die Regel, wenn die Auftragslage es zuließ. Bei Arbeitsmangel wurde die tägliche Arbeitszeit von heute auf morgen auf 4 bis 6 Stunden herabgesetzt. Das Einkommen daraus reichte noch nicht einmal für das allernotwendigste. Natürlich versuchte die Arbeiterschaft, sich gegen diese unmenschlichen Bedingungen zu wehren. Von 1891 bis 1914 streikte der Deutsche Metallarbeiter-Verband insgesamt 3716 mal gegen inhumane Arbeits- und Lebensbedingungen. Arbeitstage von zwölf bis vierzehn Stunden unter unvorstellbaren Bedingungen, Kinderarbeit und katastrophale Wohnverhältnisse waren der Normalzustand. Rund ein Drittel der damaligen Arbeitskämpfe scheiterte jedoch kläglich. Allerdings gelang auch ein sozialpolitischer Durchbruch, der bis heute segensreich wirkt: 1899 setzte die Gewerkschaft eine Arbeitslosenversicherung durch. Jedes Mal, wenn den Metallern ein Jubiläum ihrer Gewerkschaft ins Haus stand, war die jeweils aktuelle politische und wirtschaftliche Lage überhaupt nicht danach, unbeschwerte Feste zu feiern. 1916 stand das 25jährige Jubiläum des Deutschen Metallarbeiter-Verbandes an. Aber in ganz Europa tobten die massenmörderischen Materialschlachten des Ersten Weltkrieges. Zu alledem geriet der Vorstand der Metallergewerkschaft mit seiner patriotischen Kriegsbereitschaft in eine immer größer werdende Distanz zu der Stimmung in der Arbeiterschaft. Anderen Gewerkschaftsführern und Teilen der SPD-Spitze erging es ebenso. Bei den Sozialdemokraten kam es wegen der unterschiedlichen Beurteilung des Krieges 1917 zur Abspaltung der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Bei den Gewerkschaften und insbesondere auch beim Deutscher Metallarbeiterverband ging die unzufriedene Basis in den Bezirken auf einen Konfliktkurs mit der Kriegswirtschaft. Nach dem Ersten Weltkrieg hatte es zunächst danach ausgesehen, daß die Zukunft im Zeichen der organisierten Arbeiterschaft stehen würde. Die erfolgreiche Revolution von 1918 und der gelungene Generalstreik gegen den Putsch von Rechts im Jahre 1920 schienen darauf hinzudeuten, daß die Gewerkschaften entschlossen und kraftvoll genug waren, die demokratische Republik zu verteidigen. Je mehr sich die wirtschaftliche Krise zuspitzte, umso mehr gingen die wechselnden Reichsregierungen daran, die durch die Revolution errungenen neuen Arbeitsgesetze auf Druck der Arbeitgeber systematisch durch Sonderverordnungen außer Kraft zu setzen. So wurde der gesetzlich verankerte Achtstundentag durch so viele Ausnahmeregelungen ausgehöhlt, daß bald mehr als die Hälfte aller Arbeitnehmer wieder zehn Stunden pro Tag arbeiten musste .1923 ging die Inflation so rasant vonstatten, daß der Metallarbeiterverband alle drei Tage neue Lohnverhandlungen ansetzen musste .Die Inflation hatte schlimme Folgen für die Weimarer Republik und die Gewerkschaften. Mit allen Mitteln kämpfte der Verband der Metaller gegen die von Arbeitgebern geforderte Senkung der Löhne und die Ausdehnung der Arbeitszeit. Von 1924 bis 1926 mussten über 750 Streiks geführt werden. Im Verlauf des Jahres 1927 schien sich die wirtschaftliche Lage allmählich zu bessern: Die Zahl der Arbeitslosen sank auf etwas unter 500.000. Doch nur 2 Jahre später brach die Weltwirtschaftskrise mit verheerender Wucht über Deutschland herein. Im Februar lag die Zahl der Arbeitslosen bereits bei 2,6 Millionen. Innerhalb von 3 Jahren sank die Industrieproduktion um 43 Prozent. Im Februar 1932 erreichte die Zahl der Arbeitslosen 6,1 Millionen. Über 47 Prozent der DMV-Mitglieder gingen stempeln, 29 Prozent leisteten Kurzarbeit und nur 23,5 Prozent waren noch voll beschäftigt. Als schließlich Adolf Hitler im Januar 1933 an die Macht kam, gingen die Nationalsozialisten mit systematischer Brutalität gegen die organisierte Arbeiterschaft vor. Anfang März wurde die Metallarbeiter-Zeitung verboten. Am 2.Mai besetzten SA-Truppen die Gewerkschaftshäuser. Funktionäre wurden fristlos entlassen, verhaftet, viele misshandelt und ermordet. Der DMV wurde gleichgeschaltet und ging ein Jahr später in die "Reichsbetriebsgemeinschaft Eisen und Metall" der "Deutschen Arbeitsfront" auf. Widerstand gegen die Diktatur konnte nur noch im Untergrund, in der Illegalität geleistet werden. 1941, als es für die organisierten Metaller den 50.Geburtstag zu feiern gegolten hätte, herrschte wiederum ein Weltkrieg und der Deutsche Metallarbeiter-Verband war als unabhängige, demokratisch organisierte Gewerkschaft schon acht Jahre zuvor vom nationalsozialistischen Regime liquidiert worden. Ehemalige Mitglieder und Führungskräfte standen unter polizeilicher Aufsicht oder saßen in Konzentrationslagern und Gefängnissen. Viele waren ermordet worden. Nur wenigen war die Flucht ins Exil gelungen. Mit dem Ende des Krieges begann der Neuanfang. 1946 erlaubte der Alliierte Kontrollrat die Errichtung von Betriebsräten und Arbeitnehmervertretungen. Die neue Gewerkschaft nannte sich Industriegewerkschaft Metall, organisierte sich aber getrennt nach Besatzungszonen. 1948 vereinigten sich die IG Metall der britischen und amerikanischen Zone in Lüdenscheid. Ein Jahr später schloss sich die IG Metall der französischen Zone an. Die Trennung von der IG Metall der Sowjetzone dauerte bis zum 31.Dezember 1990 .1963 zeigten die Metallindustriellen in Baden-Württemberg das ungeschminkte Gesicht des Kapitalismus und griffen zum Mittel der "Totalen Aussperrung." 120.000 streikten. 370.000 wurden ausgesperrt. Trotz "Wirtschaftswunder" und Vollbeschäftigung hielten die Unternehmer den Zeitpunkt für gekommen, die alten Strukturen wieder aufzurichten. 1966, zum 75.Jubiläum der organisierten Metallarbeiterschaft, sah vieles besser aus. Eine wirtschaftliche und politische Krise bahnte sich an, der damalige CDU-Bundeskanzler Ludwig Erhard wurde abgelöst, eine große Koalition zwischen der Union und der SPD bildete sich. Der Begriff der "Konzertierten Aktion" wurde durch den SPD-Wirtschaftsminister Prof. Dr.Karl Schiller geprägt. Die Gewerkschaften waren von da an insbesondere nach der Bildung der Bundesregierung unter Willy Brandt von 1969 nicht nur auf dem Papier, sondern in der faktischen Wirklichkeit zu einem mitbestimmenden Faktor in der Wirtschafts- und Sozialpolitik geworden. In den Jahren 1989 und 1990 veränderte sich die gesellschaftliche und politische Lage in Deutschland und in Europa radikal. Der Umbruch- und Demokratisierungsprozess in der DDR, der seinen ersten Höhepunkt mit der Öffnung der Mauer am 9.November 1989 erreichte, beschleunigte den Einsturz des DDR-Systems und leitete zur Politik der staatlichen und auch gewerkschaftlichen Einheit über. Der FDGB und die DDR-Einzelgewerkschaften gerieten in den gleichen Legitimationszwang wie die SED/PDS. Nach der Wahl zur Volkskammer am 18.März 1990 nahmen die Große Koalition in der DDR unter Lothar de Maiziere und die Bundesregierung unverzüglich Verhandlungen über eine Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion zwischen beiden deutschen Staaten auf, die am 1.Juli 1990 in Kraft trat. Ein weiterer Staatsvertrag regelte die Fragen der Vereinigung. Am 3.0ktober 1990 trat die DDR nach Artikel 23 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland bei. Die deutsche Einheit war vollzogen. Die Zeit des Wiederaufbaus nach dem zweiten Weltkrieg war auch für die IG Metall eine Phase der Neuorientierung. Der Aufbau neuer Strukturen in einer veränderten Welt war notwendig geworden. Der mühselige Prozess der Demokratisierung in der Bundesrepublik Deutschland der 50er Jahre hat auch die IG Metall herausgefordert. Die Ablösung längst überholter Denkstrukturen war eine gesellschaftspolitische Grundforderung. Untertanen des Kaisers und der Fürsten gab es längst nicht mehr, der Untertanengeist war jedoch längst noch nicht aus allen Köpfen verschwunden. Die Denkstrukturen des faschistischen Dritten Reiches - genauso schlimm wie der Untertanengeist - beherrschten noch die Generationen, die in dieser unseligsten Zeit der deutschen Geschichte erzogen worden waren. Die Menschen in der Bundesrepublik Deutschland - Arbeitnehmer und Arbeitgeber waren verfassungsgemäß zu Wirtschaftsbürger geworden, auch wenn diese Formel in der damaligen Zeit nur auf dem Papier stand. Die Formeln "Kapital und Arbeit sind gleichberechtigt" und "der Macht des Kapitals steht die Gegenmacht der Arbeit gegenüber" mußte in das Bewusstsein der Menschen eingehämmert werden. Die Tarifpolitik der Gewerkschaften und insbesondere der IG Metall mußte sich jetzt den Grundsätzen der Sozial- und Gesellschaftspolitik zuwenden. Die Zielvorgabe war klar: Mehr verantwortliche Mitwirkung und ein gerechter Anteil an den Erträgen des Wiederaufbaus sollten erstritten werden. Der Kampf um die Montanmitbestimmung war die erste große Bewährungsprobe für die IG Metall. Nach monatelangen Auseinandersetzungen wurde 1951 die paritätische Mitbestimmung in der Eisen- und Stahlindustrie sowie im Bergbau gesetzlich abgesichert. Nachdem die Sozialdemokraten durch die Große Koalition in der Regierungsverantwortung standen, wurde die gewerkschaftliche Mithilfe bei den Reformen notwendig, ja sogar zum ersten Mal mehrheitlich gewünscht. Nach mehr als 75 Jahren war nun auch die gesellschaftliche Bedeutung der Arbeitnehmerorganisationen anerkannt. + + + In der Zeit über das Jahr 2000 hinaus stehen wir neuen Problemen gegenüber. Es sind nicht mehr so sehr die ökonomischen Fragen, auch wenn diese immer im Vordergrund stehen werden, sondern gesellschaftspolitische. Die Gewerkschaften haben nicht nur erreicht, daß die Arbeit ein gleichberechtigter Faktor im wirtschaftlichen Geschehen ist, sie haben durch ihre Tarifpolitik auch erreicht, daß die Arbeitnehmer nicht nur durch ihre Arbeit, sondern auch durch das auf sie entfallende Kapital zu einem Wirtschaftsfaktor geworden sind, an dem nicht vorbei regiert werden kann. Die Fragen und Probleme der wirtschaftlichen Mitbestimmung sind schon aus diesem Grunde ein Punkt, der im Vordergrund künftiger gewerkschaftlicher Arbeit stehen muss .Andererseits wissen wir aber auch: Die weltweite Beschäftigungskrise wird begleitet von tiefgreifenden technologischen Veränderungen, die mit enormen Rationalisierungsschüben verbunden sind. Die IG Metall ist Teil dieser Gesellschaft, und sie will diese Gesellschaft verändern. Unsere Möglichkeiten sind allerdings begrenzt, wenn wir alleine bleiben. Wir brauchen Verbündete in der Politik und in der Gesellschaft. Wir brauchen ein Modell für die politische und wirtschaftliche Gestaltung unseres Staates, in dem einerseits die sozialen und ökonomischen Grundforderungen unser hundertjährigen Geschichte enthalten sind und das andererseits aber auch die gesellschaftspolitischen Grundforderungen unseres Grundgesetzes verwirklicht. Diese Prämissen möchte ich in den nachfolgenden Sätzen zusammenfassen:
Das wird unsere Hauptaufgabe der Zukunft sein. Hoffnung war immer Weggefährte der Arbeiterbewegung. Schon deshalb haben wir keinen Anlass, mit Pessimismus in die Zukunft zu blicken. Wir haben aus der Geschichte gelernt, dass die praktische Vernunft der beste Ratgeber ist. Theorien taugen für Philosophen und Hörsäle. In den Werkhallen und am Fließband herrschen andere Bedingungen. Das Greifbare und das Machbare steht dort im Vordergrund. Darauf richtet sich unsere Arbeit. (Die Rede wurde von Herbert Lucy, Konzernbetriebsratsvorsitzender a.D. der Daimler Benz AG, gehalten) |
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