Home
Nach oben

Insel in der Geschichte


Keiner weiß so genau, welche Bezeichnung eigentlich stimmt. Ist Mallorca die Putzfraueninsel, weil Kreti und Pleti dort schon Urlaub gemacht haben, oder ist es das siebzehnte Bundesland der BRD? Beides hat was für sich und beides ist auch grottenfalsch. Vielleicht liegt es an der Nähe und damit der schnellen und preiswerten Erreichbarkeit für jeden Geldbeutel.

Tatsächlich ist die Insel so gegensätzlich wie die ganze Welt. Da ist einerseits der Ballermann, wo sich Engländer, Holländer und Deutsche in trauter Gemeinsamkeit aus Eimern voll Sangria vollsaufen bis zur Bewusstlosigkeit, und da ist andererseits das Hotel Formentor, wo die Kellner vornehmer als die Gäste sind. Und natürlich gibt es auf Mallorca auch die aussagekräftigen neudeutschen Ortsbezeichnungen wie Düsseldorfer Hügel oder Hamburger Strand. Den typischen Mallorquinern ist das alles nicht so recht, aber andererseits leben sie davon.

Wir waren auch mal dort und wir wussten natürlich von den Redensarten. Darum haben wir uns ein kleines Hotel mitten im Land, weitab von den lauten Stränden gesucht, das auch einen zutreffenden Namen trug: „Hermitage" (Einsiedelei). Natürlich war es keine echte Einsiedelei, sondern ein ehemaliges kleines Schloss eines spanischen Granden, der noch dazu eine hochgestellte Persönlichkeit in dem katholischen Laienorden „Opus Dei" war.

Daran knüpft sich auch die Geschichte der Hermitage, bevor es zum Hotel wurde. Denn damals, als der persische Kaiser Reza Schah Pahlewi seine Gattin Soraya verstieß, weil sie ihm keine Kinder geboren hatte, hat der katholische Orden Opus Dei der muslimischen Kaiserin Soraya Exil gewährt und sie mit ihrem relativ kleinen Hofstaat in dem kleinen Schloss Hermitage in den mallorquinischen Bergen aufgenommen. Soraya blieb dort zwei oder drei Jahre, so ganz genau will das keiner mehr wissen.

Nach der Episode Soraya wurde „Hermitage" an einen deutschen Professor verkauft.

Wer Bibliotheken besucht kann einiges erfahren. So auch im Hotel Hermitage, das eine ziemlich große Bibliothek besaß. Dort entdeckte ich eines Tages ein wissenschaftliches Buch, das ich selbst besaß und deshalb den ungewöhnlich hohen Preis kannte. „Sie haben ja sagenhaft teure Bücher in Ihrer Bibliothek", fragte ich die deutsche Hotelchefin. Sie wusste nichts davon, also zeigte ich es ihr und sagte den Preis (damals vor 25 Jahren 150 DM). Da las sie zum ersten Mal den Autor des Buches und fiel aus allen Wolken. „Das ist der Besitzer des Hotels." Der war damals Professor an der Universität Saarbrücken und zugleich wichtiger Berater eines großen Saarländer Industrieunternehmens.

Man sieht, auch ein Mallorca-Urlaub kann spannend sein. Wie könnte man denn auf den Gedanken kommen, dass „Opus Dei", der fundamentalistischste aller katholischen Orden, der noch dazu seinen Mitgliedern ein besonders hohes Maß an Bußfertigkeit abverlangt, einer „muslimischen" Kaiserin ein Schloss zur Verfügung stellt und ihr Schutz vor der Öffentlichkeit gewährt? War das christliche Barmherzigkeit? Oder war das etwa doch die schlichte Wahrheit, dass die so genannten Hochgeborenen keine Feindschaft untereinander kennen, egal welche religiösen Überzeugungen sie pflegten? Darüber kann man lange nachdenken …

Auch im Landesinnern das kleine Kloster Randa, schwer zugänglich hoch gelegen mit einer fantastischen Fernsicht bis zum Meer. Es ist längst kein Kloster mehr, aber offensichtlich noch im Besitz der katholischen Kirche. Zum Teil verpachtet als Ausflugslokal, das offenbar an den Wochenenden von Einheimischen frequentiert wird. Der meist verschlossene andere Teil enthält eine bedeutende Sammlung historischer Schriften. Ein Priester mittleren Alters arbeitet hier wissenschaftlich - gekleidet in die bodenlange Ordens-Soutane, die man heutzutage in der Öffentlichkeit nicht mehr sieht.

Die unnahbare Strenge des Priesters lässt darauf schließen, dass er zum Orden der Jesuiten – Societam Jesu – gehörte. Sein Forschungsgebiet scheint Christoph Columbus, der angeblich von Mallorca stammte, und die Entdeckung Amerikas gewesen zu sein. Wesentlicher noch schien seine Beschäftigung mit Ramon Llull gewesen zu sein. Ramon Llull (latinisiert Raimundus Lullius), ein Sprachwissenschaftler des 15.Jahrhunderts, dessen Sprachvergleiche noch heute in der Informatik beachtet werden.

Mallorca ist Teil der Geschichte des Abendlandes. Die Römer, die Araber und die Engländer waren da und hinterließen ihre Spuren. Die zum Teil säkularisierten Klöster sind bedeutende Bildungs- und Forschungsstätten. So fiel auch kultureller Glanz auf das Hotel Hermitage. Jedes Wochenende spielte ein Musiker-Trio (Violine, Cello und Klavier) auf der Empore des Speisesaals klassische europäische Musik.

Also nichts, was man an den Stränden von Arenal und Ballermann zu hören bekommt.