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Lester Thurow


 

Gesellschaftliche Veränderungen vollziehen sich auf ähnliche Weise wie in der Natur. Tag für Tag branden die Wellen gegen die steilen Klippen an der Küste. Täglich tragen die Klippen den Sieg davon. Die Wellen branden immer wieder gegen den Fels, aber scheinbar ändert sich nichts. Wir wissen jedoch mit absoluter Gewissheit, dass irgendwann jede einzelne dieser Klippen zu Sand zermahlen sein wird. Die jeweiligen Tagesverlierer sind die Wellen. Am Ende aber werden die Wellen den Sieg davontragen.

Kolumbus gilt als der größte Entdecker aller Zeiten, weil er - völlig unerwartet - den amerikanischen Kontinent entdeckte und dieser Kontinent auch noch Bodenschätze barg. Daraus folgt: Man muss nicht nur klug sein, sondern man muss dazu auch noch Glück haben. Letztlich entscheidend für den Erfolg des Kolumbus aber war nicht das Quäntchen Glück. Entscheidend war, dass er trotz enormer Widerstände seiner Umgebung den Einsatz wagte, die Segel setzte und mit seinen Schiffen eine noch nie zuvor eingeschlagene Richtung verfolgte. Ohne diesen enormen Einsatz wäre auch nicht das kolossale Glück hinzugekommen. Mit ähnlichem Einsatz können auch wir mit Aussicht auf Erfolg zu unserer Reise aufbrechen.

Was sich zur Zeit in der Wirtschaft tut, ist keine Krise. Das Realeinkommen der Arbeiter und Angestellten in nicht leitender Position sinkt pro Jahr um weniger als 1 Prozent. Über eine Periode von 25 Jahren gesehen war der Wandel dramatisch, nicht aber, wenn man nur die Einzeljahre betrachtet. In der Verteilung von Einkommen und Vermögen hat sich in den letzten 25 Jahren jedoch ein dramatischer Wandel vollzogen. Nichts geschah, um diesen Trend umzukehren. Solche politischen Möglichkeiten wurden nicht einmal debattiert.

Demokratien wissen auf Krisen zu reagieren. In einer Krise wird die Aufmerksamkeit aller auf dieselben Anliegen gelenkt, und es entsteht Handlungsbedarf. Ohne eine Krise, die die öffentliche Aufmerksamkeit wachrüttelt, wird in einer Demokratie normalerweise kaum gehandelt. Wenn Wandel durchgesetzt werden soll, müssen sehr viele Bürger davon überzeugt werden, dass Wandel nötig ist. Mehrheiten sind jedoch per se konservativ, da Wandel bedeutet, dass die Mehrheit von alten Gewohnheiten Abschied nehmen muss.

Denken Sie beispielsweise an den Computerladen von nebenan: Noch vor wenigen Jahren bezog er sein Inventar nahezu vollständig aus den USA. Heutzutage können die gleichen Waren ebenso aus Korea, Taiwan, Singapur oder einer Reihe anderer Staaten stammen. Dieser Umstand ist ein Teil dessen, was wir als „Globalisierung" bezeichnen. Wenn dieser Prozess sich in der gleichen Geschwindigkeit wie im vergangenen Jahrzehnt fortsetzen sollte, könnte er die Entwicklung der westlichen Volkswirtschaften tief greifend beeinflussen, teils zu ihrem Vorteil – koreanische PC-Monitore sind preisgünstiger als amerikanische – , teils zu ihrem Nachteil: In Seattle gehen Arbeitsplätze verloren, während in Seoul neue Jobs entstehen.

Eine weitere Veränderung betrifft die Einkommensverteilung. Um es einmal ganz unverblümt zu sagen: Der Einkommensstrom an die reichsten Familien ist in den Vereinigten Staaten und einigen anderen westlichen Ländern deutlich angeschwollen, während der Strom, der den weniger Wohlhabenden zugute kommt, zunehmend langsamer fließt. Unser langjähriger Wohlstand beruht aber zu einem nicht geringen Teil auf einer Verteilungsstruktur, die die Kaufkraft der Arbeitnehmerhaushalte und der bürgerlichen Mittelschicht stärkt. Die Aussicht auf stetig steigenden Wohlstand für die Reichen und einen sinkenden Lebensstandard für alle anderen fördert nicht unbedingt das Vertrauen in die Zukunft.

Eine dritte beunruhigende Tendenz zeigt sich an dem veränderten Charakter der Technologien, die wir einsetzen. Damit meinen wir nicht nur jenen „störenden" Prozess des Erfindens und Modernisierens, der dazu führt, dass alte Produkte auf neue Weise hergestellt werden oder durch veränderte Abläufe ganz neue Produkte entstehen. Dieser Prozess ist für das Funktionieren des Kapitalismus sogar unerlässlich. Das besondere Merkmal der neuen Technologien scheint uns aber darin zu bestehen, dass sie bestimmte, bisweilen auch qualifizierte Arbeitsprozesse vernichten, ohne gleichzeitig eine neue industrielle Basis zu schaffen. Sie unterscheiden sich damit ihrem Wesen nach von den großen technologischen Innovationen der Vergangenheit.