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Leitbild Hermann Hesse habe ich früh entdeckt. Ich war noch Lehrling, und was meine Zukunftsabsichten betraf, noch völlig unentschieden. Aber von da an haben mich die Gedanken von Hermann Hesse begleitet und wahrscheinlich auch beeinflusst. Gefunden hatte ich damals das Buch „Narziss und Goldmund". Es faszinierte mich, weil ich zu erkennen glaubte, dass die beiden so gegensätzlichen Menschen Narziss und Goldmund in Wirklichkeit eine Person waren. Ein Beispiel dafür, dass jeder Mensch in zwei Teile zerfällt, so wie es der Begriff „zwei Seelen in einer Brust" sagen will.
So passt ins Schema, dass ich das Kloster Maulbronn mehrfach besuchte. Denn dort sollte Hermann Hesse seine Schulzeit in der protestantisch-theologischen Internatsschule verbringen. Aber dort blieb er nur wenige Monate – seine Biographen sprechen von „Flucht". Sein Vater – ein protestantischer Missionar – war wohl enttäuscht. Aber der junge Hesse absolvierte dann seine Schulzeit im Gymnasium des Städtchens Cannstatt. Die Zisterzienser-Abtei Maulbronn gelangte nach dem Augsburger Religionsfrieden in den Besitz der evangelischen Kirche. Maulbronn besucht man sicher aus vielen anderen Gründen, aber wahrscheinlich spielte für mich eben doch ein wenig mit, dass dort Hermann Hesse zur Schule ging bzw. gehen sollte. Die Beziehung findet man auch dadurch, dass Narziss in der Klosterschule unterrichtete, in die Goldmund von seinem Vater gebracht worden war. In dem Buch trägt das Kloster den Namen „Mariabronn". Hermann Hesse wurde am 2. Juli 1877 in Calw geboren. Sein Vater war Missionar, seine Mutter Missionarstochter. Er sollte Theologe werden, aber das wollte er nicht. Nach mehreren vergeblichen Ausbildungsanläufen wurde er schließlich Buchhändler. Seinen literarischen Durchbruch erzielte er 1904 mit seinem ersten Roman „Peter Camenzind". In Gaienhofen war er dann als freier Schriftsteller tätig. Später ließ er sich in der Schweiz nieder. Während des Ersten Weltkrieges war er als Helfer des Roten Kreuzes und der deutschen Kriegsgefangenenfürsorge tätig. Nach dem Krieg zog er 1919 nach Montagnola bei Lugano. 1923 nahm er die Schweizer Staatsbürgerschaft an.1926 wurde er in die Preußische Dichterakademie aufgenommen, aus der er jedoch 1930 wieder austrat. Die Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland beobachtete Hesse mit großer Sorge. Ab 1937 konnten Hesses Werke in Deutschland nur noch unter dem Ladentisch verkauft werden. 1936 wurde er mit dem Gottfried-Keller-Preis, 1946 mit dem Frankfurter Goethe-Preis, 1950 mit dem Wilhelm-Raabe-Preis und 1955 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt. 1946 wurde ihm der Nobelpreis für Literatur verliehen. Hermann Hesse starb am 9. August 1962. Die Geschichte des Buches spielt im Mittelalter. Sie beschreibt die Freundschaft von Narziss, dem frommen Lehrgehilfen der Klosterschule, und Goldmund, einem Schüler. Beide sehen den jeweils anderen als Gegenpol und als Ergänzung. Narziss ist der reine Geistesmensch, geprägt von Pflicht, Glauben und Askese. Goldmund ist der sinnenfrohe Genussmensch, Künstler und Sünder. Goldmund verlässt das Kloster und begibt sich auf eine jahrelange Wanderschaft, die eine Suche nach Glück war, das er aber nicht gefunden hat. So steht es auf Seite 213 zu lesen: "Und dennoch war das, was ihn nun erwartete, noch schlimmer, als er gedacht hätte. Bei den ersten Höfen und Dörfern begann es und dauerte an und wurde ärger, je weiter er kam. Die ganze Gegend, das ganze weite Land stand unter einer Wolke von Tod, unter einem Schleier von Grauen, Angst und Seelenverfinsterung, und das schlimmste waren nicht die ausgestorbenen Häuser, die an der Kette verhungerten und verwesenden Hofhunde, die unbegraben liegenden Toten, die bettelnden Kinder, die Massengräber vor den Städten. Das Schlimmste waren die Lebenden, die unter der Last von Schrecken und Todesangst ihre Augen und ihre Seelen verloren zu haben schienen." Narziss und Goldmund treffen sich wieder im Kloster. Narziss ist Abt und eine geistliche Persönlichkeit von höchstem Rang. Goldmund ist todkrank und liegt im Sterben, als die beiden gegenseitig ihre Lebensbeichte ablegen. So lässt es Hermann Hesse auf Seite 305 mit den Worten von Narziss enden: "Kein Zweifel – vom Kloster aus, von der Vernunft und Moral aus gesehen war sein eigenes Leben besser, es war richtiger, steter, geordneter und vorbildlicher, es war ein Leben der Ordnung und des strengen Dienstes, ein dauerndes Opfer, ein immer neues Streben nach Klarheit und Gerechtigkeit, es war sehr viel reiner und besser als das Leben eines Künstlers, Vagabunden und Weiberverführers. Aber von oben gesehen, von Gott aus gesehen - war da wirklich die Ordnung und Zucht eines exemplarischen Lebens, der Verzicht auf Welt und Sinnenglück, das Fernbleiben von Schmerz und Blut, die Zurückgezogenheit in Philosophie und Andacht besser als das Leben Goldmunds?" |
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