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Kulturlandschaft Bodensee


Für einen Tagesausflug ist der Bodensee zu groß, besonders wenn man fast am nördlichen Ende der oberrheinischen Tiefebene wohnt. Also füllten wir die Woche auf und buchten ein Hotel, das alle Annehmlichkeiten des modernen Lebens wie Hallenbad, Sauna und alle Quälereien des Wellness mit seinen unaussprechlichen Namen zu bieten hatte. Der Bodensee mit hoteleigener Schiffsanlegestelle lag direkt vor unserem Balkon und der Ausblick auf die gegenüberliegende Schweizer Landschaft war fantastisch – besonders wenn die Sonne schien. Aber leider regnete es an der Hälfte der Tage.

Das war nicht weiter schlimm, denn der eigentliche Grund unseres Bodenseeausflugs war der Besuch der Insel Reichenau. Auch die Wahl dieses Ziels hatte einen besonderen Grund. An anderer Stelle habe ich vom Kräutergarten und vom Arzneibuch des Klosters Lorsch geschrieben. Der Gestalter des Lorscher Kräutergartens und Autor des Arzneibuches war der Mönch Walahfrid Strabo.

Walahfrid wurde 838 zum Abt der Klosterinsel Reichenau berufen, nachdem er vorher Berater des Kaisers Karl II. der Kahle gewesen war und sich durch seine Lorscher botanische und pharmazeutische Tätigkeit bedeutende Verdienste erworben hatte. Unter seiner Leitung erlebte die Reichenau einen großen wirtschaftlichen Aufschwung, der bis in die heutige Zeit reicht.

Die Klosterinsel – schon damals neben Cluny einer der zentralen geistigen Mittelpunkte Europas – wurde mit Walahfrid auch zur Gemüseinsel, was sie heute noch ist, auch wenn sich die Anbaumethoden in den vergangenen 1200 Jahren sicher gewaltig verändert haben. In den dunklen Zeiten des Mittelalters waren Hungersnöte an der Tagesordnung. Die Notwendigkeit von „Nahrungsergänzungsmitteln" – also Gemüse – war offensichtlich.

Heute ist von der einstigen Größe der Klosteranlage nicht mehr viel zu sehen. Die Standorte der drei Kirchen vermitteln allerdings den Eindruck einer gewaltigen Ausdehnung. Die Besonderheiten der Kirchenbauten sind zweifellos die Wandmalereien, die von den Freuden des Paradieses und den Qualen der Hölle berichten. Man ahnt, dass die Bilder einen tiefgehenden Eindruck auf die damaligen Menschen gemacht haben.

Die Klosterinsel Reichenau ist eine der Keimzellen europäischer Zivilisation und Kultur im frühen Mittelalter. Die ganze Insel wurde von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt.

Gegründet wurde das Kloster im Jahr 724 vom Heiligen Pirmin. Unter den karolingischen Kaisern wurde es sehr bald zu einem geistig-kulturellen Zentrum Europas. Die Äbte der Reichenau waren als Diplomaten, Gesandte und Erzieher tätig und übten so einen großen politischen Einfluss aus.

Wie seit Jahrhunderten prägen auch heute die drei Kirchen das Bild der Insel. Die Kirche des eigentlichen Benediktinerklosters St.Maria und Markus in Mittelzell stammt in ihren Ostteilen aus karolingischer Zeit. St.Peter und Paul in Niederzell ist eine romanische Basilika, deren Apsis im 12.Jahrhundert ausgemalt wurde. St.Georg in Oberzell zeigt den weltberühmten Wandmalerei-Zyklus aus der Zeit vor dem Jahre 1000, die einige vollständige Kirchenschiffausmalung nördlich der Alpen aus jener Zeit.

Nicht nur die „Klosterinsel", sondern auch der Begriff „Gemüseinsel" hat eine über 1000-jährige Tradition. Denn Gemüseinsel ist die Reichenau auch heute noch. Nicht nur die kunsthistorisch wertvollen drei Kirchen prägen das Bild dieser Bodensee-Insel, sondern auch die riesigen Gewächshäuser, die gut und gern fast die Hälfte der Inselfläche bedecken.

Dieser Bericht handelt von einem Urlaub vom letzten Jahr. Jetzt bin ich gerade zwei Tage wieder zu Hause, denn wir haben den Bodensee-Urlaub in diesem Jahr wiederholt und diesmal zwei Wochen daraus gemacht.