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Kloster Lorsch


Das Weltkulturerbe Kloster Lorsch ist einer der Anziehungspunkte der Region zwischen Rhein, Neckar und Odenwald. Was sich zunächst nur als die Ruine eines romanischen Kirchenschiffs und die gut erhaltene und gepflegte Königshalle auf einer archäologisch noch nicht völlig erschlossenen Fläche darstellt, ist allerdings nur der heute noch sichtbare Teil einer wichtigen Institution, die im Mittelalter das Leben in unserer Region bestimmte.

Das Arzneibuch

Vieles liegt noch im Dunkel der Geschichte. Vieles wurde aber auch in den achthundert Jahren des Wirkens von Kloster Lorsch ab dem Jahr 764 in der unverkennbaren Lorscher Handschrift niedergeschrieben und bestimmte so das geistige und administrative Leben des Kaiserreiches der Franken, denn zu Zeiten Karls des Großen war Lorsch die Reichsabtei der Karolinger. Auch in den Zeiten der Salier behielt Lorsch seine Bedeutung, auch wenn die nachfolgenden Dynastien ihre Schwerpunkte anders setzten. Die Blütezeit des Klosters lag jedoch in der Karolingerzeit.

Zwischen 772 und der Jahrtausendwende war die Abtei Lorsch ein kultureller und politischer Knotenpunkt im Europa der Karolinger. Mit Lorscher Handschriften wurde das Wissen der griechischen und römischen Antike für die abendländische Kultur überliefert, soweit es nicht in den Wirren der Völkerwanderung verloren gegangen war. Lorsch war für das Ausschöpfen römischer Quellen ein sehr guter Standort, denn die früheren Städte und Siedlungen der Römer auf germanischem Boden (Mainz, Worms, Speyer, Ladenburg, Trier) lagen in der Nähe und die oberrheinische Tiefebene war schon in der Römerzeit der Durchgangsweg von Norden nach Rom.

Zur Zeit Karls des Großen, um das Jahr 795, ist im Scriptorium der Reichsabtei Lorsch eine 150 Seiten starke medizinische Sammelhandschrift entstanden, das "Lorscher Arzneibuch". Es enthält die älteste bekannte Rechtfertigung der antiken Heilkunde aus christlicher Sicht. Denn damals galt die griechische, römische und arabische Heilkunde als Teufelswerk. Die damaligen Fundamentalisten unter den Christen hielten Krankheiten für gottgewollt – sie zu lindern oder gar zu heilen wurde als Eingriff in die göttlichen Absichten betrachtet.

Der Autor des „Arzneibuches" war der Mönch Walahfrid Strabo, der später zum Abt des Klosters Reichenau am Bodensee ernannt wurde. Walahfrid hat auch den Kräutergarten angelegt. Viele heimische Wildkräuter wurden von ihm kultiviert und er erprobte in seiner Funktion als Arzt und Apotheker auch ihre Heilwirkung. Das gesammelte antike Wissen konnte so durch neue Erkenntnisse erweitert werden. Exotische Heilpflanzen wurden so nach und nach durch einheimische ersetzt, auch deshalb weil sie unbezahlbar teuer waren.

Neue Erkenntnisse brachte auch die Zeit der Kreuzzüge. Denn das medizinische Wissen war damals in den arabischen und persischen Kulturen mit ihren näheren Verbindungen zu Indien und China viel größer, als im Europa des Mittelalters. Aus Palästina heimkehrende Kreuzfahrer brachten fremdes Wissen und unbekannte Arzneien und Pflanzen mit. Unbekannte Pflanzen brachten später auch die Entdecker Amerikas nach Mitteleuropa.

Im frühen Mittelalter war die Abtei Lorsch mit ihrem großen Kräutergarten ein einzigartiges medizinisches Zentrum. Aber nicht nur das, denn damals waren Kräuter auch eine wichtige Nahrungsergänzung, die nicht nur der Sättigung, sondern auch der geschmacklichen Verbesserung und der Haltbarmachung diente. Denn verderbliche Lebensmittel wie Fleisch oder Fisch über längere Zeit essbar zu halten, war damals ein unlösbares Problem.

Der Kräutergarten

Das Lorscher Arzneibuch enthält mehr als 500 Rezepte. Sie stammen überwiegend aus antiken griechischen und römischen Quellen. Benutzt wurden mineralische und tierische Bestandteile. Den größten und wichtigsten Anteil hatten jedoch die Pflanzen, die von Walahfrid Strabo in drei Gruppen eingeteilt wurden.

1. Exotische pflanzliche Drogen, zum Beispiel Zimt, Ingwer und Pfeffer, die aus dem Fernen Osten eingeführt werden mussten und deshalb sehr teuer waren. Auf diese sollte man möglichst verzichten.

2. Pflanzen, die man in Wald und Feld sammeln konnte, zum Beispiel Echte Kamille oder Bärlauch, und die deshalb nicht eigens im Kräutergarten angepflanzt werden mussten.

3. Pflanzen, die im Kräutergarten des Klosters kultiviert wurden. Sie stammten meist aus dem Mittelmeergebiet und mussten besondern umsorgt werden, zum Beispiel Rosmarin, Lavendel, Lilie und Pfingstrose. Es wurden aber auch einige heimische Pflanzen im Garten angebaut, wenn man sie stets zur Hand haben oder sich an ihnen erfreuen wollte.

Ein Klostergarten war bis zur Jahrtausendwende ein wichtiger Teil jedes Klosters und der darum herum wohnenden bäuerlichen Bevölkerung. Darauf hat schon der Heilige Benedikt in seinen Regeln zum Klosterleben hingewiesen.

Mönche wurden damals mit den Aufgaben als Ärzte und Apotheker betraut. Die notwendigen Medikamente mussten sie selbst herstellen. Diese Epoche der Klostermedizin endete im 11.Jahrhundert, nachdem durch die Gründung der medizinischen Universität von Salerno (Italien) die universitäre Ausbildung von Laien als Ärzte begonnen hatte.

Lage und Größe des Kräutergartens des Klosters Lorsch in den achthundert Jahren seines Wirkens ist nicht bekannt. Der vor wenigen Jahren neu angelegte Kräutergarten liegt auf dem ehemaligen Mönchsfriedhof. Hier ruhen noch heute die vor Jahrhunderten zur letzten Ruhe gebetteten Mönche.

Auf der Grundlage des Gedichts „Hortulus" von Walahfrid Strabo wurde 1981 mit einem kleinen Garten angefangen. Walahfrid hatte über das Gärtnern und die 24 Pflanzen seines mittelalterlichen Gartens berichtet. Im neu angelegten Kräutergarten wachsen jetzt 160 verschiedene ungiftige Kräuterarten, die in den Pflanzlisten des Lorscher Arzneibuchs beschrieben sind. Eine Handschrift des Gedichts befand sich auch in der Bibliothek des Klosters Lorsch, heute wird sie im Vatikan aufbewahrt.

Der Heimat- und Kulturverein Lorsch bewahrt die Tradition. Auf seine Initiative hin wurde der Kräutergarten im Jahr 2000 nach altem Vorbild wieder angelegt. Auf dem ehemaligen Mönchsfriedhof legten die Mitglieder des Vereins breite Hochbeete an, auf denen sich die Kräuter frei entfalten können.

So wird auch auf die Erhaltung bestimmter alter Kulturpflanzen geachtet, selbst wenn die Mönche sich damals über ihre Heilwirkungen geirrt haben. Sie waren ohne jede pharmazeutische Bedeutung. Ob die heilkundigen Mönche den Begriff „Placebo" und seine Bedeutung in der Medizin damals schon kannten, ist ungewiss.

So wurden auch Blumen in den Kräutergarten aufgenommen. Die Rose als Symbol für Christus und die Märtyrer, die Madonnenlilie als Symbolpflanze für Maria und die „unblutigen Märtyrer" schmücken im Juni die Kräuterbeete und verbreiten ihren Duft.