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Zu Tode beruhigt


Irgendwann gab es einen Paradigmen-Wechsel. Die kommunalpolitische Projektion der frühen 60er Jahre hatte eine völlig andere Zielsetzung, gegenüber dem, was in den Jahren nach 1980 in Viernheim geschah. Der Pragmatismus des Wieder- und des Neuaufbaus war verloren gegangen. An seine Stelle trat eine theoretisch ideologische Betrachtungsweise, die unausgegoren auf halbem Wege versandete und glücklicherweise nie ganz zu Ende geführt wurde. Allerdings, das Zauberwort der damaligen Zeit – „nachhaltig" – behielt seine Gültigkeit. Jetzt ist vieles für lange Zeit „nachhaltig" verkorkst.

Dabei war in den fünfziger Jahren aus der Arbeiterwohnsitzgemeinde – so die offizielle Bezeichnung – ein kleines Städtchen geworden, das nicht nur im verwaltungsrechtlich zuständigen Landkreis Bergstraße, sondern in ganz Hessen und darüber hinaus in den angrenzenden Bundesländern Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz hohes Ansehen genoss. Viernheim war damals unter den vergleichbaren kleinen Städten das führende Gemeinwesen bezüglich ihrer kommunalpolitischen Maßnahmen und ihrer Einrichtungen.

Aber diese Zeiten sind längst vorbei. Eine Rundfahrt durch die Region zeigt, dass die vergleichbaren Städtchen und Gemeinden ihr ehemaliges Vorbild längst überholt haben. Jetzt spürt man nur noch Tristesse. Und die fleißig geübte Selbstbeweihräucherung ist nichts weiter als das Pfeifen im Walde.

Wann und warum der Bruch erfolgte, ist Ansichtssache. Es könnten Personalfragen gewesen sein, es könnte aber auch sein, dass die Ansiedlung des Rhein-Neckar-Zentrums und die daraus folgende kommunalpolitische Unsicherheit im Umgang mit dem neuen, dominierenden Wirtschaftsfaktor die Richtung des Denkens und Handels veränderte. Die Folge waren Versäumnisse und Fehlschlüsse. Die Konzentration auf die Innenstadt ging einen Weg, der genau die Ursache der jetzigen Misere zu sein scheint.

Denn die Leerstände der Einzelhandelsläden in der Viernheimer Innenstadt werden immer mehr. Der Mieterwechsel legt ein atemberaubendes Tempo vor. Gutachten, Beratungen und Experten-Runden überschlagen sich und enden schließlich in hilflosen Jeremiaden.

Die Ursache: Die kommunalpolitischen Highlights der 80er Jahre - Fußgängerzonen, autofreie Innenstädte, Verkehrsbeschränkungen, Fahrradwege, Straßen-Rückbau mit massiven Verengungen durch Baumscheiben im Straßenraum.. So war es überall in der ganzen Bundesrepublik. Diese Highlights waren Entscheidungen gegen das Prinzip „Stadt" und für das Prinzip „Fläche". Anders gesagt, für die Zersiedelung der Landschaft und für die „grüne Wiese".

So auch in Viernheim – mit dem nicht unwesentlichen Umstand, dass hier ein großes peripheres Einkaufszentrum den Einzelhandel dominierte. Nach den Untersuchungen überregionaler Wirtschaftsverbände hat Viernheim einen Zentralitätswert von 180,3, d.h. auf einen Einwohner kommen mehr als 1,8 Einzelhandelskunden. Eine wunderbare Note. Nur, die Kunden kaufen im Einkaufszentrum und nicht in der Innenstadt.

Der über mehrere Jahre sich hinziehende Prozess der Innenstadt-Verödung war vermutlich nicht gewollt. Aber heute steht zur Frage, ob man die sich abzeichnende Entwicklung nicht gesehen hat oder ob man sie aufgrund übergeordneter Interessen nicht sehen wollte. Denn auffällig und irritierend ist schon, dass man in Kenntnis der fortgeschrittenen negativen Entwicklung bei der Sanierung der Wasserstraße nach genau den gleichen Grundsätzen verfuhr, die offensichtlich Ursachen der Misere sind.

Die Einrichtung eines Kunsthauses in der verödeten Innenstadt konnte die Misere nicht heilen. Ob ein weiteres Kunsthaus und noch eines und vielleicht noch mehr die Zukunft Viernheims sein können, ist zumindest fraglich.