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Islam und Gesellschaft


Die zentrale Frage der geopolitischen Gesellschaftswissenschaften ist zweifellos, warum hat die islamische Welt den Anschluss an den zivilisatorischen Fortschritt verpasst? Maßstab sind die einschlägigen Kriterien gesellschaftlicher Modernisierung wie politische Freiheit, Bildungsniveau und wirtschaftlicher Entwicklungsstand.

Ausgangspunkt der Betrachtung ist der im Auftrag der Uno erstellte "Arab Human Development Report", der die Defizite der arabischen Gesellschaften auf vielen Gebieten offen legt. Einer der wichtigsten Punkte ist die ungewöhnlich hohe Analphabetenquote, die im Jahre 2002 etwa 50 Prozent bei Frauen und 30 Prozent bei Männern betrug.

Für die Rückständigkeit der muslimischen Länder gibt es sicher viele Gründe, die in politischen, sozialen, kulturellen, geographischen oder wirtschaftlichen Zusammenhängen zu finden sind. Die Gesellschaftswissenschaftler weisen auf eine durchgehende, allen islamischen Gesellschaften gemeinsame Ursache hin. Die islamischen Länder glauben an die zentrale Rolle der Religion - und geraten vor allem damit ins politische, kulturelle und wirtschaftliche Abseits.

In den Lebenswelten muslimischer Gesellschaften gilt das Primat des Sakralen – im Alltag, in der Politik, in der Wirtschaft und im Recht. Die Allgegenwart des Sakralen behindert nicht nur die Trennung von privatem und öffentlichem Raum, sondern auch die Diversifizierung der politischen, rechtlichen und wirtschaftlichen Systeme und ihrer Funktionsweisen.

In der arabischen Schrift und Sprache ist die Wirkungskraft des Sakralen besonders deutlich. Arabisch ist die Sprache der religiösen Praxis. Die Entwicklung einer zivilen Lebenswelt wird behindert, weil sich dafür keine angemessene Sprache findet. Arabisch kann die gesellschaftliche Wirklichkeit nicht sachgerecht beschreiben.

In der Türkei wurde in den ersten zwei Jahrzehnten nach der Gründung des Nationalstaates ein Reformprogramm durchgeführt, mit dem die türkische Sprache sowohl in der liturgischen Praxis des Islam, als auch in allen anderen Kommunikationszusammenhängen durchgesetzt wurde. So werden die Freitagsansprachen in den Moscheen auf Türkisch gehalten. Der Koran wird jedoch auch in der Türkei weiterhin auf Arabisch rezitiert.

Für den Westen sollte gelten, demokratisch und fortschrittlich gesinnte Kräfte in der islamischen Welt zu unterstützen, damit eine gesellschaftspolitische Modernisierung beginnen kann. Darauf sollte geachtet werden, wenn über die Aufnahme der Türkei in die Europäische Union beraten wird.