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Innovation


Wenn über die Begriffe „Arbeitsplatz" und „Innovation" gesprochen wird, dann hört man meistens Zustandsbeschreibungen über den Strukturwandel, über den Wandel der Arbeitswelt und die veränderten Bedingungen, die sich spätestens seit der Wiedervereinigung Deutschlands und dem wirtschaftlichen Zusammenbruch der Staatshandelsländer ergeben haben. Der Begriff „Innovation" wird nie oder nur sehr selten erwähnt.

Solche Zustandsbeschreibungen sind nichts Neues. Die Auswirkungen eines tiefgreifenden Strukturwandels – diesen Zustand beschreiben wir jetzt ausschließlich – haben wir in der graphischen Industrie – also im Bereich der damaligen Industriegewerkschaft Druck und Papier – schon vor 25 bis 40 Jahren erlebt. Die auslösenden Faktoren werden vermutlich unterschiedlich gesehen. Tatsache ist jedoch, dass der Lohnkostendruck zu erheblichen wirtschaftlichen Verwerfungen führte. Damals allerdings gab es noch keine elitären Lohnforderungen wie zum Beispiel heutzutage durch die Ärzte, Fluglotsen oder Lokführer.

Die IG Druck und Papier war in der damaligen Zeit die erfolgreichste Gewerkschaft, die Tarifabschlüsse rangierten weit an der Spitze und trotzdem waren die Lohntarifverträge nicht einmal Diskussionsgrundlage bei der Festsetzung der nahezu grundsätzlich individuell ausgehandelten Stundenlöhne. Ein Linotypesetzer in der Zeitungsherstellung hat leicht das Einkommen eines beamteten großstädtischen Amtsleiters übertroffen. Dazu gehörten natürlich auch die enormen steuerfreien Zuschläge für Nacht-, Sonn- und Feiertagsarbeit. Der Lohnkostendruck war einer der Faktoren für den notwendigen Strukturwandel.

Ein weiterer Faktor war der durch die damals ausgerufene „Bildungskatastrophe" ausgelöste Mangel an qualifiziertem Nachwuchs. Die Lehrstellen konnten nicht mehr qualifiziert besetzt werden, weil alles auf weiterführende Schulen und in die Universitäten strebte und der verbleibende Rest den hohen Ausbildungsanforderungen der graphischen Industrie nicht genügen konnte. Es war nun mal so, dass von einem Korrektor in der Buch- und Zeitungsherstellung erwartet wurde, dass er seinen Duden besser kannte als ein Germanistikprofessor. Dass dies heutzutage nicht mehr so ist, sehen wir jeden Morgen beim Blick in die Tageszeitung.

Der dritte Faktor war der „Mikrochip". Dieser hatte schon damals den Rang einer Basisinnovation, die weit mehr veränderte als nur die Druckindustrie. Der Mikrochip ermöglichte das, was wir heute die Informationsgesellschaft nennen. Der Strukturwandel in der graphischen Industrie ebnete dazu den Weg.

Es war zunächst ein technischer Wandel. Der Buchdruck, so wie ihn Gutenberg erfunden hat, wird heute wohl nur noch im Mainzer Gutenberg-Museum vorgeführt. Der Kupfertiefdruck, früher die Methode der Illustrierten-Herstellung, wird heute eigentlich nur noch für den Druck von Geldscheinen genutzt. Die Lehrberufe Schriftsetzer und Buchdrucker gibt es faktisch nicht mehr. Die Satzherstellung in den Zeitungsbetrieben erfolgt durch Stenotypistinnen, von denen nichts weiter als das Tippen einer kilometerlangen Schreibmaschinenzeile erwartet wird. Die Druckplattenherstellung ist ein fotochemischer Vorgang, der Druck basiert auf der Abscheidung von Fett und Wasser. Und alles wird durch Mikrochips gesteuert. Die Qualität der Druckerzeugnisse hat sich um ein vielfaches verbessert und sie sind gegenüber früher preiswerter geworden.

Hochbezahlte technische Spezialisten gibt es noch immer, wenn auch nicht in der Breite, wie dies früher der Fall war. Meines Erachtens haben sich die Beschäftigtenzahlen im graphischen Gewerbe nicht wesentlich verändert, auch wenn der erforderliche hohe Kapitaleinsatz insbesondere viele kleinere Betriebe zum Aufgeben zwang. Im Ganzen gesehen kann man sagen, die Innovation durch den Mikrochip hat die Druckindustrie völlig verändert.

Diese Veränderung war der Beginn der Informationsgesellschaft. Die IG Druck und Papier hatte sich in IG Medien umbenannt und vertrat alle Beschäftigten, die auf irgendeine Weise mit Print- oder elektronischen Medien zu tun haben. Heute ist die IG Medien ein Zweig der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft.

Die Zeitungs- und Buchverlage sind zu Medienkonzernen geworden, die neben der Verbreitung von Büchern und Zeitungen auch Rundfunk- und Fernsehanstalten betreiben und dabei die Synergieeffekte nutzen, die sich aus der digitalisierten Herstellung von Text, Ton und Bild ergeben. Alles in allem hat sich die Basis der Arbeitsplätze verbreitert und sie wird sich im Zuge von Telekommunikation und Internet noch weiter verbreitern. Durch diese Innovation hat sich das Gesicht unserer Gesellschaft verändert und neue hochqualifizierte Arbeitsplätze wurden geschaffen.

Natürlich gab und gibt es bei diesem Wandel der Arbeitswelt erhebliche Friktionen. Die Anpassung der früheren Arbeitsordnungen an die neuen Gegebenheiten war und ist sehr schwierig und sie fordert Opfer. Kleine Betriebe verschwinden, erlernte Berufe haben keine Bedeutung mehr. Arbeitgeber wollen weniger zahlen, Arbeitnehmer wollen höhere Löhne. Es wird noch einige Zeit dauern, bis sich alles eingepegelt hat.

Bei alledem bleibt es jedoch von wesentlichster Bedeutung, dass die Menschen und ihre Kreativität die Basis jeder Innovation sind. Das Wissen avanciert in der modernen Volkswirtschaft zum wichtigsten Rohstoff. Rasch umsetzbares Wissen bestimmt in hohem Maße Wertschöpfung und Einkommenshöhe. Auf die Anforderungen der modernen Wissensgesellschaft war die Bundesrepublik in den neunziger Jahren nur mangelhaft vorbereitet. In unserer von Sozialhilfementalität geprägten Gesellschaft fehlte Pioniergeist und Kreativität. Dies scheint sich jetzt langsam zu ändern.

Was geschah damals stattdessen: Wir schickten Leute mit Fachwissen und Erfahrung in den Vorruhestand, um Arbeitsplätze freizumachen für junge Menschen, die weder das eine noch das andere hatten, weil es ihnen nicht einmal ansatzweise von den Schulen und Universitäten vermittelt wurde. Das war keine gute Basis für die Weiterentwicklung unserer Gesellschaft. Im Gegenteil: Es war der Beginn einer Abwärtsspirale.

So nimmt es kein Wunder, wenn die damals gerne verschwiegene TIMSS-Studie (Third International Mathematics and Science Study) zu einer verheerenden Beurteilung über die gymnasiale Oberstufe kommt. Ich zitiere nur einen Satz aus der mehrseitigen Stellungnahme des Max-Planck-Instituts: „Die für Deutschland angemessene Vergleichsgruppe sind in erster Linie die angelsächsischen Länder. Die Schülerinnen und Schüler der Mehrzahl der nord-, ost- und westeuropäischen Staaten ¬ ganz zu schweigen von den meisten asiatischen Ländern - verfügen in Mathematik und den Naturwissenschaften über einen Leistungsvorsprung von mehr als einem Schuljahr."

Der TIMSS-Studie folgten dann im etwa zweijährigen Abstand die PISA-Studien, die sich allerdings mit Sprache und Verstehen befassten. Auch diese gaben ein verheerendes Bild von der Ausbildungssituation in der BRD. Relativierend muss gesagt werden, dass die hohe Zahl von Schülern mit Migrationshintergrund die Ergebnisse stark beeinflusst haben.

So wird die Tatsache verständlich, dass in Deutschland jährlich rund anderthalb Milliarden Euro für Nachhilfeunterricht ausgegeben werden – etwa acht bis 12 Euro pro Unterrichtsstunde. Jeder fünfte Schüler bekommt bezahlten Zusatzunterricht. Viele Gymnasiasten schaffen das Abitur nur per Nachhilfe und lassen sich dann als Studenten im Repetitorium weiterhelfen.

Wir sind fast schon eine Nachhilfegesellschaft, der Staat kann seine Bildungsaufgabe nicht mehr voll erfüllen. Dabei ist eines völlig sicher: Die Nachhilfegesellschaft ist ungerecht. 46 % der Nachhilfeschüler kommen aus Selbstständigen- und Beamtenfamilien. Nur Wohlhabende können die Nachhilfekurse über längere Zeit bezahlen.

Die Gründe für diese Entwicklung liegen auch darin, dass sich die Zahl der Studierenden von 1977 bis heute von 900.000 auf rund 1,8 Millionen verdoppelt hat. Zu Recht muss gefragt werden, ob die bundesdeutsche Gesellschaft ein akademisches Personal braucht, das inzwischen 2,25 % der Gesamtbevölkerung ausmacht. Die Schweiz – ganz bestimmt kein Entwicklungsland – kommt mit 1,3 % aus. Inzwischen gibt es Tausende ausgebildeter Politologen, Juristen, Soziologen, Lehrer und Ärzte, die oft genug keinen Job finden, der ihrer Ausbildung entspricht. In der bildhaften Sprache der Amerikaner heißt das: "Too many chiefs and not enough Indians." (Zu viele Häuptlinge und nicht genug Indianer.)

Die Anzahl der Studenten übertrifft inzwischen die Anzahl der Lehrlinge. Das ist nicht nur ökonomisch unsinnig, sondern auch zutiefst unsozial, weil die Arbeitnehmer-Haushalte durch ihre Lohnsteuer die Ausbildung der Studenten alimentieren, die zu über 70 % aus einkommensstärkeren Familien stammen.

Ich denke, gerade im Bereich des Bildungs- und Ausbildungswesens wäre eine grundlegende Basisinnovation notwendig, die die liebgewonnenen Verkrustungen aufbricht. Auch in diesem Bereich wird es notwendig sein, ganz unten anzufangen. Zum Beispiel durch die grundsätzliche Einführung der Ganztagsschule. Das wäre zwar eine Innovation, die Geld kostet, die aber in ihrer Fortwirkung die Ausgangslage für eine grundlegende Verbesserung der Gesellschaftspolitik bedeuten könnte.

Die Überschrift dieses Beitrags lautet „Arbeitsplätze durch Innovation". Das klingt wie eine Frage, die sich allerdings so nicht beantworten lässt. Denn in der Wirtschaft heißt Innovation zum einen Steigerung der Produktivität und Senkung der Kosten. Senkung der Kosten bedeutet aber meistens Verminderung der Arbeitsplätze. Zum zweiten bedeutet Innovation aber auch Erschließung neuer Geschäftsfelder. Diese werden neue Arbeitsplätze schaffen, wenn damit neu auftretende Bedürfnisse befriedigt werden können. Zu Beginn dieses Statements habe ich auf die Informationsgesellschaft hingewiesen – mit ihr sind neue Bedürfnisse aufgetreten und dadurch haben sich neue Geschäftsfelder ergeben.

In der Wirtschaftswissenschaft gibt es den Begriff „Kondratieff-Zyklen". Das sind die langfristigen Wellenbewegungen der Wirtschaft, die von Basisinnovationen ausgelöst werden. Die bekanntesten Basisinnovationen sind die Erfindung der Eisenbahn, die Stickstoff-Chemie, die Schaffung einer umfassenden Verkehrsinfrastruktur durch Automobil und Flugzeug, der Mikrochip in der Kommunikations-Technik, die Gen-Technologie. Alle diese Basisinnovationen waren gesellschaftsverändernd. Und sie waren und sind in der gesellschaftspolitischen Diskussion umstritten.

Um die Jahrhundertwende waren im damaligen Deutschen Reich 72% der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft beschäftigt. Heute sind es noch 3%. Die landwirtschaftliche Produktion hat sich seither mehr als verdoppelt. Die Überproduktion wird in sehr hohem Maße subventioniert. Das Problem ausreichender Ernährung wurde bei uns gelöst, in den Ländern der Dritten Welt jedoch nicht. Nach Berechnungen der FAO muss die landwirtschaftliche Produktion in den nächsten 40 Jahren weltweit um mindestens 75% gesteigert werden, wenn eine ausreichende Ernährung der Weltbevölkerung gesichert sein soll. Ohne den Einsatz der – immer noch erbittert bekämpften – Gen-Technologie wird das nicht möglich sein.

Die staatlichen Vorschriften in Sachen Gen-Technik sind in Deutschland viel strenger als in anderen Staaten. Es ist offensichtlich, dass die politische Debatte der technischen und wirtschaftlichen Entwicklung hinterherhinkt.

Diese Beispiele lassen sich ergänzen. Mir scheint jedoch, dass wir uns in der Frage "Arbeitsplätze durch Innovation" selbst im Wege stehen. Wir wissen, dass die hohe Arbeitslosigkeit nahezu ausschließlich strukturelle Ursachen hat. Diesen Ursachen kann man nur mit mehr Flexibilität und mehr Mobilität entgegenwirken. Dem allerdings steht ein individuell immer stärker gewordenes Beharrungsvermögen entgegen. Sowohl, was den Ort der Arbeit betrifft, als auch, was die Qualifikation und die Entlohnung betrifft. Dieses individuelle Beharrungsvermögen steht in einem starken Gegensatz zu den Erfordernissen, die uns der weltwirtschaftliche Wandel auferlegt.

Der Stellenwert der Arbeitsmarktpolitik ist begrenzt, weil sie nur kurzfristig an Symptomen laboriert, aber langfristig keine Perspektiven schafft. Es geht um die Verstärkung des Wirtschaftswachstums, um die Verwirklichung des Strukturwandels, um Innovation und Qualifizierung sowohl im Bereich der Wirtschaft als auch zur Wahrnehmung öffentlicher Aufgaben. Es geht um die Erhöhung der Beschäftigungsintensität des Wachstums.

Es geht nicht um mehr öffentlich geförderte Beschäftigung, weil derartige Arbeitsplätze kein Geld bringen, sondern in aller Regel Geld kosten. Wir kennen schließlich die in der Kommunalpolitik jährlich (nicht) diskutierten Rechnungsprüfungsberichte, die auch Aussagen über Kostendeckungsgrade öffentlicher Leistungen machen. Es müsste zu denken geben, wenn für 100 Euro Ausgaben beim Theater 8 Euro Einnahmen erzielt werden, bei den Bädern sind es 12 Euro. Die Straßenbahnen haben vielerorts ihren Kostendeckungsgrad verbessert, weil es in den Innenstädten längst keine Parkplätze mehr gibt.

Wir brauchen Innovationen für mehr Wachstum. Nur darin liegt der Schlüssel für mehr Arbeitsplätze. Die Antwort liegt in den Technologien der Zukunft.

Wenn man in den Protokollen des Reichstags und in Ausgaben des "Vorwärts" aus der Zeit um die Jahrhundertwende nachliest, dann gewinnt man den Eindruck, die alte SPD war eine Partei, die sich dem technischen Fortschritt und der Wissenschaft verschrieben hatte. Vielleicht liegt auch darin eine Antwort.