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Mythos Hambacher Schloss


Von der Käschteburg zur Maxburg

Das vielleicht bedeutendste geschichtliche Denkmal der Rhein-Neckar-Region ist das Hambacher Schloss. Für sich alleine hat es eine wechselvolle Geschichte, aber darüber hinaus ist es das Denkmal für das Werden und Wachsen der Demokratie in Deutschland.

Ausgangspunkt dieser Entwicklung ist das Hambacher Fest im März 1832. Kein Ort, kein Ereignis und kein Datum, an dem sich der Lauf der Geschichte schlagartig durch Revolution und Umsturz änderte, sondern ein Ort inmitten der Kurpfalz und der kurpfälzer Menschen, an dem langsam und unmerklich die Veränderung der feudalistischen Gesellschaftsordnung begann, die sich schließlich erst fast ein Jahrhundert später vollendete.

Um das Jahr 1000 wurde das Hambacher Schloss von den Saliern erbaut – zu jener Zeit die Dynastie, aus der die deutschen Kaiser hervorgingen. Damals war es kein Schloss, sondern eine Burganlage zum Schutze der umliegenden fruchtbaren Landschaften. Über Jahrhunderte wurde das Hambacher Schloss vom Volksmund „Käschte"burg (Kastanienburg) genannt, weil es inmitten ausgedehnter Esskastanienwälder lag.

Viele der historischen Bauten der Region wurden von den Saliern errichtet, der Speyerer Dom genau so wie das Kloster Limburg oberhalb von Bad Dürkheim.

In seiner wechselvollen Geschichte wurde das Hambacher Schloss mehrmals zerstört und wieder aufgebaut. Nach der Niederbrennung durch die französischen Truppen General Mélacs im Pfälzischen Erbfolgekrieg (1688-1697) blieb es jedoch für dreihundert Jahre eine herrenlose Ruine, die mehr oder weniger auch als Steinbruch genutzt wurde.

Als schließlich zu Beginn des 19.Jahrhunderts die Pfalz an das Königreich Bayern fiel, wurde die wertlose Burgruine von den Neustädtern dem bayerischen König Maximilian I. zum Geschenk gemacht. Von da an wurde das Hambacher Schloss im Volksmund „Maxburg" genannt.

Unter Napoleon und unter den Bayern

Die Zeiten um die Jahrhundertwende 1799/1800 waren nicht nur in der Pfalz sehr schwierig. Europa war im Umbruch und die Pfalz war eine Trennlinie zwischen dem revolutionären napoleonischen Frankreich und den deutschen feudalistisch geprägten Kleinstaaten. Also spielte hier die Auseinandersetzung zwischen den französischen Jakobinern, die in Frankreich den Adel abgeschafft und den König und die Königin geköpft hatten, und den deutschen kleinen Königreichen und den Kurfürstentümern ab, die sich auf ihr Gottesgnadentum beriefen und ansonsten der geballten zentralistischen Kraft Frankreichs nichts entgegenzusetzen hatten.

Die Pfalz gehörte seit 1797/98 zur Französischen Republik, ihre Bürger orientierten sich an den Ideen der Französischen Revolution, weil sie sich gegen den Adel richtete und den kleinen Bauern und Handwerkern Rechte und Vorteile brachten, die sie vorher so nicht kannten.

Linksrheinische Gebiete verschiedener deutscher Fürstentümer waren von Frankreich annektiert worden. Auf dem Reichsdeputationshauptschluss (1803) wurde über die Entschädigung der betroffenen Fürstentümer beraten. Die Auflösung der Kurpfalz wurde beschlossen, mit ihrem Gebiet wurden die betroffenen Fürsten entschädigt. So fielen Heidelberg und Mannheim an Baden. Aber diese Gebietsaufteilung durch den Reichsdeputationshauptschluss hatte nicht lange Bestand, da die napoleonischen Kriege andere Fakten schufen.

Die Pfälzer galten als französische Bürger und wurden als solche auch zu Kriegsdienstleistungen herangezogen. Für die in ganz Europa kämpfenden Armeen Napoleons war die Pfalz ein wichtiges Versorgungsgebiet mit Produkten der Landwirtschaft und des Weinbaus. Wirtschaftliche Lebensader war der Rhein, weil auf ihm die französischen Armeen in Nord und Süd leicht erreicht werden konnten. Für die Pfälzer galt die Rechtsordnung des Code Napoleon.

Im Auf und Ab der Kriegswirren blieb die Pfalz weitgehend verschont und als 1815 Napoleon in Waterloo endgültig besiegt wurde, waren auch für die Pfalz die Karten neu gemischt.

Der Wiener Kongress sollte das verwüstete und desolate Europa neu ordnen. So wurde 1816 die Pfalz dem Königreich Bayern zugeteilt und als "Rheinpfalz" unter bayerische Verwaltung gestellt. Dabei wurden die Rechte der Bevölkerung massiv eingeschränkt. Außerdem wurde durch hohe Zölle und Steuern die Wirtschaft der Pfalz stark benachteiligt, so dass große Teile der Bevölkerung verarmten.

Die Steuerzahlungen, die aus der Pfalz nach Bayern flossen, wurden größtenteils zum Ausbau der bayerischen Hauptstadt München verwendet. In der Pfalz dagegen wurden kaum Investitionen getätigt, wenn man vom Bau des königlichen Lustschlosses „Ludwigshöhe" oberhalb von Edenkoben mal absieht. Auch bei Personalentscheidungen der Münchner Regierung wurden die Pfälzer kaum berücksichtigt. Verantwortungsvolle Aufgaben wurden an Beamte und Offiziere aus Bayern übertragen. Die Unzufriedenheit der Pfälzer in Verwaltung und Militär steigerte sich von Jahr zu Jahr.

Wiege der deutschen Demokratie

In der Zeit nach den Napoleonischen Kriegen waren die Menschen überall in Europa desorientiert. Ganz besonders in der Pfalz, weil die Pfälzer von Napoleon zu Franzosen gemacht wurden und als es den französischen Kaiser nicht mehr gab, wurden sie wieder zu deutschen Pfälzern – zu Untertanen ihres Fürsten. Mit ihrer Nationalität wechselten sie auch die jeweiligen Rechtsordnungen und ihre gesellschaftlichen Stellungen. Aus Herren wurden wieder Herren, aus Untertanen wurden wieder Untertanen – unter Napoleon waren sie Bürger, sowohl die Herren als auch die Untertanen.

In dieser unsicheren Zeit wurde 1819 in Mannheim der Schriftsteller Kotzebue von dem Studenten Sand ermordet. Die Gründe für diesen Mord sind dümmlich, es war wohl die verworrene Zeit, die einen trivialen Literaten zum Opfer eines ewigen Studenten werden ließ.

Die Zeit nach dem Wiener Kongress wird mit gutem Grund „Restauration" genannt. Die wieder eingesetzten Fürsten und Junker drehten das Rad der Geschichte zurück. Das gelang aber nicht immer, denn die Anpassung der unterschiedlichen Rechtsordnungen brauchte seine Zeit.

Einer der Begriffe aus der politischen Rechtsordnung war „Gewaltenteilung", dieser Begriff galt noch eine Zeitlang in der Pfalz und in Baden, aber sonst nirgendwo im Deutschen Bund. Eine rechtliche Folge der Gewaltenteilung ist die Pressefreiheit, die viele Journalisten und auch Dichter wie Heinrich Heine und Ludwig Börne in die Pfalz zogen. Heine und Börne mussten später dann doch nach Frankreich emigrieren.

Aber wegen der Pressefreiheit konnte in der Pfalz auch der Press- und Vaterlandsverein entstehen. Eine Unterstützungsorganisation für die oppositionelle Presse in Deutschland. Von diesem Verein ging die Initiative zum Hambacher Fest aus. Bei dieser Großveranstaltung handelte es sich um eine Kundgebung der politischen Opposition im Deutschen Bund. 30.000 Menschen aus allen Bevölkerungsschichten und aus zahlreichen Nationen haben daran teilgenommen. Die Hauptforderungen waren Freiheit, Bürgerrechte und nationale Einheit.

Auf dem Hambacher Fest wurden zum ersten Mal die Farben Schwarz-Rot-Gold, die heute die deutschen Nationalfarben sind, verwendet. Unter diesen Farben sollte ein freies und föderatives Deutschland entstehen, das dem demokratischen Grundgedanken verpflichtet sein und als Gegengewicht zur so genannten Heiligen Allianz Russlands, Österreichs und Preußens stehen sollte.

Die Auflehnung gegen das Metternich-Regime des Deutschen Bundes schuf eine politische Bewegung, die als „Vormärz" bezeichnet wird, da sie vom März 1832 in direkter Linie zum März 1848 zur Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche führte. Dazwischen lagen aber lange Jahre der Repression und der Unterdrückung. Viele freiheitlich Gesinnten wanderten aus nach Amerika, andere wurden eingekerkert oder hingerichtet.

Bei der Märzrevolution 1848/49 lebte die Bewegung wieder auf und konnte ihre Ziele zunächst teilweise umsetzen. Nach der Niederschlagung dieser Revolution durch preußische Truppen kam es zu einer weiteren noch härteren Restaurations- und Repressionsphase. Weitere Auswanderungswellen folgten. Der Deutsche Bund wurde unter Führung Preußens zum Militärstaat. Jetzt war Ruhe eingekehrt – Friedhofsruhe.