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Geheimnisumwittert


Über die Villa Winter auf Fuerteventura zu schreiben, ist ein Ausflug in die Phantasie. Belege und Beweise sind Gerüchte, manche davon so unlogisch, dass sie gleich beiseitegelegt werden können. Und offensichtlich gibt es auch bewusste Lügen, die den wahren Verlauf verschleiern sollen. Anderes dagegen fügt sich zu einem möglichen Bild. Ob es jemals verifiziert werden kann, hängt an der Frage, ob die Archive von Militär und Geheimdiensten irgendwann geöffnet werden. Und das ist eher unwahrscheinlich.

Auf Fuerteventura war ich sechsmal, immer auf der sonnenreichen Halbinsel Jandia. Die Villa Winter habe ich zweimal besucht, einmal mit einem Jeep über Stock und Stein, das andere Mal mit einem Vitara, der auch geländegängig war. Beide Male über den Pass mit seiner wassergebundenen Piste, die in der Cofete genannten Hüttenansammlung direkt vor einer ziemlich fragwürdigen Kaschemme endete. Von dort aus musste man sich den Weg zur Villa Winter bahnen. Es gab aber auch eine staubige Piste, die sich durch das Geröll schlängelte, und vor dem verschlossenen Tor und in einem rasenden Hundegebell endete.

Ein drittes Mal suchte ich den Weg über Pared durch die Sanddünen. In der Ferne konnte ich die Villa Winter schon erkennen, aber dann scheiterte auch der Vierradantrieb des Jeeps im immer tiefer werdenden Dünensand – vielleicht lag es auch an meinem ungenügenden fahrerischen Können…

Ein schweigsames älteres Paar - Bruder und Schwester - öffnete das Tor und nach einem ordentlichen Trinkgeld in die ausgestreckten Hände stellten auch die gefährlich anmutenden Hunde ihr Gebell ein und rollten sich wieder in einer schattigen Ecke zusammen. Stumm waren die beiden Bewacher nicht – nach einem leise gehauchten Gracias wiesen sie uns mit ausgestreckter Hand den Weg ins Innere der Villa. Mehr haben wir von den beiden nicht erfahren.

Villa ist ein völlig unzutreffender Begriff, denn die Baulichkeit am Fuße des Jandia-Massivs ist in Größe und architektonischem Zuschnitt eher ein Schloss. Ein riesiger, über zwei Stockwerke gehender Saal, eine Freitreppe, die zur rundum gehenden Empore führt, von dort in ebenfalls überdimensionierte Zimmer und auf die weitflächige Terrasse mit Blick auf das Meer im Süden, Westen und Norden. Von der Empore aus ging es auf den alles überragenden massiven Rundturm. Ganz oben auf der Turmbrüstung waren noch die rundum führenden Stahlschienen, auf die früher mehrere schwere Maschinengewehre montiert waren, mit denen der Strand und das umliegende Gelände unter Beschuss genommen werden konnte.

Das Bauwerk Villa Winter war keine Ruine, aber doch stark vernachlässigt, was unter den dort herrschenden Bedingungen von Sonne, Wind und Meer sehr schnell gehen kann. Also immer noch eine stabile Hülle. Aber im Inneren war das Gebäude völlig ausgeplündert. Möbel gab es keine mehr, Installationen großenteils entfernt, Holz und Metall aus den Wänden gerissen, sofern es nicht tragende Bauteile waren. Die Treppen waren meist ohne Geländer.

Das Bewacher-Ehepaar lebte nicht in der Villa. Sie hatten sich im Windschatten des Bauwerks eine kleine Hütte gebaut, die sich an die Fundamentmauern anlehnte. Der Garten wurde von den Bewohnern zum Anbau von Gemüse, Kartoffeln usw. zum Eigenbedarf genutzt.

Von einem älteren Deutschen, der nach eigener Aussage schon immer auf Fuerteventura lebte und als Reiseleiter bei Busausflügen tätig war, hörten wir zum ersten Mal davon, dass der Zweite Weltkrieg auch hier zu spüren war. Von Madeira aus griffen britische Flugboote mit Bomben und Torpedos die deutschen Unterseeboote an, die an der Embalse de las Penitas in der Nähe der historischen Hauptstadt Betancuria Trinkwasser aufnahmen. Der Deutsche redete wie ein Augenzeuge. Vielleicht war er zu dieser Zeit beim „Tercio", der spanischen Fremdenlegion, die heute noch auf Fuerteventura stationiert ist und deren oberster Kommandeur vor dem spanischen Bürgerkrieg General Francisco Franco war.

Bei dieser Gelegenheit erfuhren wir auch von der geheimnisvollen Villa Winter. Die Gerüchte darüber sind zahlreich und widersprüchlich. Sie kreisen fast immer um zwei Personen – den Deutschen Ingenieur Gustav Winter, dem Erbauer der Villa, und den General Franco, für den angeblich das pompöse Gebäude errichtet worden sein sollte, weil er dort seinen Lebensabend verbringen wollte. Das hat sich zerschlagen, weil Franco nach dem Bürgerkrieg Staatschef des Königreichs Spanien wurde. Von da an – 1939 – wurde er „Caudillo" genannt, das ist das spanische Wort für Führer. Franco soll dem Deutschen Gustav Winter für dessen Verdienste um Jandia die Villa und große Länderteile geschenkt haben. Eine wunderliche Geschichte – so wunderlich wie die unbedarften Menschen, die sie weiter erzählen.

Merkwürdig und verlogen ist allerdings auch die Rolle, die der Deutsche Gustav Winter dabei spielt. Seine diversen Interviews in der deutschen und internationalen Presse nehmen auf die einfache nachprüfbare Wirklichkeit keine Rücksicht. Auch vieles andere, was dem „Unternehmer" Winter und seinem Wirken auf Jandia gut geschrieben wird, kann nicht nachvollzogen werden.

Eines ist sicher – es gibt die Villa Winter am Strand von Cofete und es gab den inzwischen verstorbenen Ingenieur Gustav Winter, dessen Familie heute noch mit dem spanischen Staat um die Besitzrechte der Villa und die umliegenden Flächen prozessiert.

Eine realistische Erklärung für die Hintergründe der geheimnisvollen Geschichte wird in einem Newsletter-Periodikum geboten, das auf den Autor Willi Bredel zurückgeht, der über den spanischen Bürgerkrieg und über die darin verwickelten NSDAP-Auslandsorganisationen schrieb.

„Hitlerdeutschland hatte den spanischen Putsch-Generälen Ratgeber geschickt und in Spanien ein Spionagenetz aufgebaut. Weiter wurde bekannt, dass Deutschland und Italien bindende Zusagen auf wirtschaftliche Konzessionen und territoriale Abtretungen erhalten hatten. Deutschland sollte für seine Bürgerkriegshilfe mit den Kanarischen Inseln entschädigt werden."

Interessant ist, dass diese Informationen fast siebzig Jahre später von dem britischen Historiker Antony Beevor in seinem 2006 erschienenen Werk „Der Spanische Bürgerkrieg" im Wesentlichen bestätigt werden. Hat die sagenumwobene Villa Winter auf Fuerteventura etwas mit den erwähnten Konzessionen und Gebietsabtretungen zu tun? Fand in dieser gottverlassenen Gegend während des Zweiten Weltkrieges eine verdeckte militärische Kooperation zwischen Hitlerdeutschland und Franco-Spanien statt?

Im Juli 1937 unterzeichnete Gustav Winter in Burgos, dem Hauptquartier der Franco-Putschisten, einen Pachtvertrag für die Halbinsel Jandia. Angeblich wollte er dort einen Hochseefischerei-Stützpunkt und eine Zementfabrik errichten. Im Sommer 1938 kam es in Berlin zu einer Besprechung mit dem Chef der deutschen Auslandsabwehr Admiral Wilhelm Canaris. Dabei wurde vereinbart, dass Winter im Auftrag Nazideutschlands ein „Vorhaben durchführt" und dafür „deutsches Fachpersonal" erhält.

Auf Jandia entstand weder ein Hochseefischerei-Stützpunkt noch eine Zementfabrik. Was aber sollte Winter wirklich durchführen und was wurde davon realisiert?

Zu einer offiziellen militärischen Zusammenarbeit zwischen der siegreichen spanischen Militär-Junta und Nazideutschland kam es nicht. Für die Unterstützung durch die deutsche Legion Condor im Bürgerkrieg bedankte sich Franco mit der Entsendung von spanischen Freiwilligen der „Blauen Division" zum Russland-Feldzug 1942. Ansonsten blieb Spanien im Zweiten Weltkrieg offiziell neutral.

Bekannt ist auch, dass Hitler bei seinem Treffen mit Franco im französischen Seebad Hendaye die Errichtung eines Marinestützpunktes auf den Kanarischen Inseln forderte. Das allerdings lehnte Franco im Dezember 1940 offiziell ab. Wahrscheinlich erfolgte diese Ablehnung nur im Hinblick auf die Seemacht England. Inoffiziell wurde weiter kooperiert.

Im April 1941 erwarb die Dehesa de Jandia S.A. die gesamte Halbinsel Jandia. Geschäftsführer dieser Gesellschaft wurde Gustav Winter. Er ließ an der äußersten Südwestspitze der Insel nahe der Punta Pesebre zwei Rollbahnen für Flugzeuge anlegen. Nach dem Zweiten Weltkrieg soll die Villa Winter und die Start/Landebahnen eine Zwischenstation der „Rattenlinie" gewesen sein, über die gesuchte Nazis von Gesinnungsgenossen nach Südamerika geschleust wurden.

Im März 1997 veröffentlichte die spanische Tageszeitung El Pais ein Dokument aus dem Archiv des spanischen Außenministeriums mit Namen und Funktionen von 104 Agenten der deutschen Auslandsabwehr in Spanien. Die Liste wurde 1945 nach Kriegsende von den Alliierten Geheimdiensten erstellt. Unter „Winter, Gustav" ist zu lesen:

„Deutscher Agent auf den Kanaren, zuständig für die Beobachtungspositionen, ausgerüstet mit drahtloser Telefonie, und für die Versorgung der deutschen U-Boote. Aufenthaltsort: Calle de Brisa 4, Tenerife oder Atlantica Comercial S.A. Jandia, Islas Canarias."

Damit wurde bestätigt, dass der Ingenieur Gustav Winter ein Mitglied des von Admiral Canaris aufgebauten Spionagenetzwerkes in Spanien und seinen Kolonien war. Die Villa Winter war weder ein Feriendomizil noch eine Finca, sondern diente der Durchführung und Tarnung militärischer und nachrichtendienstlicher Aktivitäten Nazideutschlands.