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Fundamentalismus


Nicht nur der Islam, auch das Christentum hat seinen Fundamentalismus. Die Attentäter des 11.September 2001, ihre Hintermänner und Gesinnungsgenossen sind fanatische Muslime; sie halten den blutigen Kampf gegen den Westen und seine Vormacht Amerika für ein Gebot des Islam. Der Feind ist der Andersgläubige. Überall in der Welt verlaufen die Grenzen von Kriegen und gewalttätigen Auseinandersetzungen entlang von Konfessions- oder Religionsgrenzen – Nordirland, Balkan, Naher Osten und bald wohl auch in Südostasien.

Eiferertum und Rückständigkeit sind in jeder Glaubensgemeinschaft anzutreffen; der Antifundamentalist wird nationalreligiöse israelische Siedler und bibelfixierte amerikanische Evangelikale mit ähnlichem Misstrauen betrachten wie die Anhänger des politischen Islam. Die Fundamentalismuskritik diskriminiert keine bestimmte Religion. Diese Kritik hat allerdings die Tendenz, sich zu einem Generalverdacht gegen jedwede Religion zu entwickeln.

In seinem ursprünglichen Sinn bedeutet Fundamentalismus das Wörtlichnehmen einer heiligen Schrift, ihrer Sachaussagen und ihrer Handlungsnormen. Ein weiteres typisches Merkmal des Fundamentalismus ist seine ausdrückliche Nichtbereitschaft, Religion als Privatsache zu verstehen. Und es ist sein Drang, die öffentliche Meinung und überhaupt alle Menschen nach den eigenen Glaubensüberzeugungen zu prägen.

Diesem Fundamentalismus setzen wir im „modernen Abendland der Aufklärung" den Begriff Toleranz entgegen. Toleranz ist keine Weltanschauung, die letzte Fragen für sinnlos oder für unbeantwortbar hält. Sie ist vielmehr eine Umgangsregel unter Weltanschauungen, die auf die letzten Fragen höchst unterschiedliche, einander ausschließende und vollkommen ernst gemeinte Antworten geben. Toleranz ist auch eine Umgangsregel unter Menschen, die den Frieden wirklich wollen.

Der Fundamentalismus mit seinem Hang zur Gottesstaatlichkeit und Glaubensdiktatur verwischt die Grenze zwischen Religion und Politik. Auch die Vertreter der Toleranz machen sich nur selten klar, dass die Trennung von Religion und Politik religiöse Wurzeln hat. Der Satz von Jesus Christus "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist" hat sich zu einer Grundformel des Abendlandes entwickelt. Von hier stammt die Unterscheidung von geistlicher und weltlicher Sphäre, von Kirche und Staat. Der mittelalterliche Dualismus von Papst und Kaiser, Luthers Zwei-Reiche-Lehre, die liberale Errungenschaft der Glaubens- und Gewissensfreiheit in einer weltanschaulich neutralen Rechtsordnung - das alles sind Variationen dieses Satzes aus dem Neuen Testament.

Die katholische Kirche hat sich erst 1965 auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil zur Anerkennung der Religionsfreiheit bequemt – maßgeblich unter dem Druck gewandelter Welt- und Machtverhältnisse. Trotzdem bleibt es bedeutsam, dass die Trennung von Glaube und Gesetz, von Himmel und Erde im Christentum seine Wurzeln hat.