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Die Zeit der Zünfte Seit dem 12.Jahrhundert hatten die Zünfte das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben in den Städten Europas geprägt. Sie schufen Gewerbeordnungen und begründeten mit ihren Qualitätskontrollen die Wettbewerbsfähigkeit von Tuchen und Metallwaren. Sie führten Tarife für Handwerksarbeit ein, gründeten die ersten Sozialversicherungen und entmachteten den Adel in den Städten.
Die Verbundenheit der Zunftbrüder ging so weit, dass sie in Krisenzeiten alle kürzer traten. Sie wollten nicht, dass die tüchtigsten unter ihren Kollegen sich auf Kosten ihrer weniger tüchtigen bereicherten. Bereits 1382 beschränkte die Kölner Wollenweberzunft die Zahl der Webstühle in der Stadt auf höchstens 300. 1397 wurde auch die Größe der einzelnen Handwerksbetriebe beschränkt. Kein Meister dürfe mit mehr als zwei Webstühlen arbeiten. So entstand eine Art mittelalterlicher Zunft-Sozialismus. Die Zunft forderte Wohlverhalten und Beachtung ihrer Regeln, im Gegenzug bot sie Sicherheit und Geborgenheit. Die Zunftfeste waren Höhepunkte des gesellschaftlichen Lebens, auch die Organisation der einzelnen Betriebe glich einer Großfamilie. Wer Mitglied werden wollte, musste einen guten Ruf haben. Unehelich Geborene oder Henkerssöhne hatten kaum eine Chance aufgenommen zu werden. Auch Zuwanderern von außerhalb der Stadtgrenzen wurde meistens die Aufnahme verweigert. Als Interessenvertretung des Handwerks waren die Zünfte auch politisch erfolgreich. Schon 1349 wurde in Speyer von den Zünften die Patrizierherrschaft beendet. Die Handwerker sperrten die Ratsherren bei bitterer Winterkälte in eine Kapelle - ohne Heizung und warme Kleidung - so lange, bis sie unterschrieben, ihre Ratsposten "freiwillig" aufzugeben. 1396 eroberten die Zünfte auch in Köln und Wien die Teilhabe an der politischen Macht. Jeweils mehrere Zünfte bildeten eine so genannte Gaffel, die aus ihren Reihen wiederum die Ratsherren wählte. Aber es gab auch Nachteile. Die strengen Zunftregeln erstickten jede unternehmerische Initiative. Meistens durften die Meister nur zwei Gesellen beschäftigen, neue Techniken waren verpönt, Produktinnovationen wurden behindert. So rissen gegen Ende des 13.Jahrhunderts Kölner Bäcker einem Zunftgenossen den Ofen ein. Der aus dem Oberrheingebiet zugewanderte Bäcker hatte den Kollegen durch ein besonders gutes Brot die Kunden abgeworben. Ein Kürschnermeister in Worms musste seinen Unternehmergeist sogar mit dem Leben bezahlen. Seine Geschäfte gingen so gut, daß er entgegen den Zunftregeln bis zu achtzehn Gesellen beschäftigte. Der Mann wurde wegen "Aufruhr" angeklagt und 1514 hingerichtet. Gegen Ende des Mittelalters verkrusteten die ehemals so erfolgreichen und in ihrer Zeit so fortschrittlichen Zunft-Organisationen immer mehr. In gewisser Weise wurden sie der städtischen Feudalherrschaft, gegen sie ursprünglich angetreten waren, immer ähnlicher. Auch deshalb wurde es immer schwerer, ihren Mitgliedern die Absatz-Märkte zu sichern. Zeitweise gelang es mit Importverboten, nichtzünftige Ware aus den Städten fernzuhalten. So war der Verkauf Solinger Messer in Köln verboten. Statt selbst zu größeren Betrieben und arbeitsteiliger Produktion überzugehen, begannen die Handwerksmeister auf Anordnung der Zünfte die Gesellen schlechter zu entlohnen und die Arbeitszeiten auszudehnen. So entwickelten sich städtische Werkhöfe, die in die ehemals von den Zünften beherrschten Märkte eindrangen. Die Gesellen liefen zu den neuen Unternehmern über. Verarmte Meister gerieten in die Abhängigkeit von Händlern. Die Anekdoten über die Regulierungswut der Zünfte täuschen darüber hinweg, dass das Zunftwesen ursprünglich ein äußerst erfolgreiches Modell war, das Wirtschaftsleben mit privater Hand zu ordnen und die feudalen Eigentumsverhältnisse neu zu gliedern. Wissen und Können galt von da an genau so viel wie Eigentum und Grundbesitz. Die Zünfte haben im Mittelalter nach der Katastrophe der Völkerwanderung den wirtschaftlichen Aufschwung Europas erst möglich gemacht. |
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