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Beginn der Geschichte


Bei Orange gabelt sich die Route d‘soleil – rechts geht’s in den Languedoc, zu den Pyrenäen und nach Spanien – links geht’s in die Provence, in die Camargue, nach Marseille und nach Italien. Kein Scheideweg, denn die Landschaften sind sich ähnlich, unterschiedlich jedoch verlief die geschichtliche Entwicklung, die sich sehr vieldeutig interpretieren lässt.

Die Landschaften südlich von Orange – das Städtchen ist heute Hauptquartier der französischen Fremdenlegion – waren prägender Schmelztiegel für Menschen und Ideen. Hier wurden die Gallier bei Alesia (Aix-en-Provence) von den Legionen Cäsars vernichtend geschlagen. Der Gallier-Fürst Vercingetorix wurde in Ketten nach Rom geschleppt und nach zehnjähriger Kettenhaft in den Verliesen Roms erwürgt.

Die französische Mittelmeerlandschaft war geschichtsbildend für das spätere Europa. Die Brutalität historischer Entwicklung fand dort ihren Ausdruck in der Bedrohung Roms durch Hannibal, sie war Schauplatz der Völkerwanderung, und sie war als Gallia Romana mit ihrer Hauptstadt Treverum (Trier) der verbleibende zivilisationsstiftende Rest des untergehenden weströmischen Reiches. Die Geschichtsbildende Bedeutung zeigt sich überdeutlich in der „Konstantinischen Wende", die von Trier ausging.

Nicht genug damit. Die erbarmungslosen Katharer-Kriege dauerten Jahrzehnte – Religionskriege von beispielloser Sinnlosigkeit. Von wesentlicher Bedeutung für die Bildung der nachfolgenden staatlichen Gemeinwesen war aber auch, dass alle „Gegen"-Päpste ihr „Rom" in Avignon in der Provence begründeten. Es war ein jahrhundertelanges Schisma, über das die katholische Kirche auch heute noch nicht gerne redet.

Die Abbaye de Sainte Croix war unser Urlaubsziel. Ein Domizil aus der Reihe „Relais & Chateaux" – ehemalige Schlösser und Herrensitze, die Reiz und Prunk des Vergangenen mit der erlesenen Kochkunst unserer Zeit verbinden. Vermutlich widmete sich das Kloster zu seiner Zeit im Wesentlichen dem Weinbau und der Landwirtschaft, um so den Palästen der Päpste und Gegenpäpste im nicht weit entfernten Avignon als Lebensmittellieferant dienen zu können.

Natürlich war der Glanz eines kleinen Klosters in der Provence mit dem pompösen Prunk der französischen Adelsschicht und des päpstlichen Klerus nicht zu vergleichen, auch wenn die Äbte meistens dem Adel entstammten. So war die Klosteranlage zwar äußerlich unverändert, aber unter der historischen Hülle steckten die zivilisatorischen Einrichtungen einer modernen Hotelanlage – Wellness-Ambiente inklusive.

Die Abbaye lag hoch über dem Städtchen Salon de Provence, ausgebreitet wie ein vielfarbiger Flickenteppich, der des Nachts strahlt und glitzert wie ein Diamant-Collier. Frühmorgens mit der aufgehenden Sonne im Rücken bietet sich bei günstigen Wetterverhältnissen eine unglaublich schöne Fernsicht bis hin zur Rhone.

Salon de Provence hieß früher Salon-de-Crau. Den Grund der Umbenennung kenne ich nicht, vermutlich war den Stadtoberen die Bezeichnung „Crau" (steppenartige Landschaft) zu wenig attraktiv. Heute hat das Städtchen etwa 34.000 Einwohner, die ihren Lebensunterhalt aus Landwirtschaft und Tourismus bestreiten. Wie in den zentrenfernen Departements Frankreich leidet auch die Region Provence unter Bevölkerungsverlust.

Die jungen Männer und Frauen zieht es in die Ballungszentren Paris, Bordeaux, Lyon. Zurück bleiben die Alten mit ihrem Grundbesitz und auch einige Junge, die mit abenteuerlichen Lebensentwürfen durchs Leben gehen und mit Töpferei, Malerei, Batistdruck oder ähnlichem ihren Dörfchen und damit dem Tourismus Farbe geben.

Im 15.Jahrhundert war Salon die Hauptstadt der Olivenölindustrie, die von Colbert, dem allmächtigen Generalintendanten Ludwigs IVX., angeordnet und angesiedelt worden war. Damals war Salon auch die Residenz der Erzbischöfe von Arles.

Im 16.Jahrhundert lebte Nostradamus hier. Das damals von ihm bewohnte Haus ist heute ein Archiv der Nostradamus-Forschung. Seine düsteren Prophezeiungen erschreckten damals seine Mitmenschen. Einige seiner apokalyptischen Voraussagen stehen uns noch bevor.

Heute beschäftigen sich die Nostradamus-Forscher mit dem Vergleich der nachprüfbaren geschichtlichen Wirklichkeit mit den aufgeschriebenen Prophezeiungen. Erstaunlich, zu welchen phantasievollen Meisterleistungen der Interpretation sie fähig sind …