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Die andere Seite


Wer am Bodensee Urlaub macht, der will auch mal auf die andere Seite. Schließlich grenzen vier Länder an den See – das nördliche Ufer ist deutsch, am südlichen Ufer liegt die Schweiz; Liechtenstein und Österreich haben auch ein klein wenig Anteil am Bodenseeufer.

Der Besuch der anderen Länder bietet sich an, weil man sich nur durch den Vergleich ein Bild von der Andersartigkeit der anderen Nationalitäten machen kann – aber wer hinfährt, der merkt dann auch sehr schnell, dass von Andersartigkeit der Menschen überhaupt keine Rede sein kann. Alle reden Deutsch, auch die Schweizer am Bodensee. Denn das typische Schwyzer Dytsch – viele Deutsche meinen, das wäre eine Halskrankheit – beginnt auch erst weiter südlich. Dort, wo die Berge ganz hoch und die tiefen Seen ganz alleine den Schweizern gehören (den Bodensee müssen sie ja mit den Deutschen teilen).

Eines ist auffällig – es scheint, als wären die Schweizer noch einen Tick bürokratischer und amtsautoritärer als die Deutschen. So erlebt beim Besuch des Napoleon-Museums in Salenstein. Eine sehr schöne Anlage, die jetzt zum Teil  von einer landwirtschaftlichen Ausbildungsstätte belegt ist, die aber immer noch den Geist Napoleons und seiner späteren Verwandten atmet. Na ja, nicht zu vergessen, Napoleon war anfangs ein Revolutionsgeneral, aber das hatte er wohl später vergessen.

Schloss und Park Arenenburg zeigte in seiner pompösen Ausstattung, wie die Menschen von ganz oben (also weiter oben, als wir uns das heutzutage vorstellen können) damals in der Zeit der Restauration lebten. Man gewann sehr schnell den Eindruck, dass die französische Revolution von 1789 völlig umsonst gewesen war.

Der Eintrittspreis war erheblich. Die Frauen durften ihre Handtaschen nicht mit in das Schloss nehmen, sondern mussten sie in einem entfernten Gebäude in einem Schließfach hinterlegen. Fotografieren war verboten; aber mit dem Verbot nicht genug, die Fotoapparate mussten selbstverständlich auch ins Schließfach. Und dann mussten die Besucher in Filzpantoffeln über den wertvollen, intarsienbelegten Parkettboden schlurfen. Was gleichzeitig den erwünschten Nebeneffekt hatte, dass das Parkett ständig gewienert wurde.

Ungeklärt blieb die Frage, ob diese Anordnungen auf Weisung der Gemeinde Salenstein, des Kantons Thurgau, der Confoederatio Helvetica befolgt werden mussten, oder ob eventuell sogar die Republique Francaise auf der angemessenen Hochachtung ihrer ehrenwerten Vergangenheit bestand …

Nun ja, es wäre nicht gerecht, wollte man die Schweiz grundsätzlich zur amtsversessenen Bürokratie erklären. Schließlich gehört die Schweiz nicht zur Europäischen Union, das Schengener Abkommen gilt noch nicht und ein anderes Währungsgebiet sind sie auch. Trotzdem war es völlig unproblematisch, weit über das Grenzgebiet hinaus Euro auszugeben. Den Umgang mit Geld sind die Schweizer eben gewohnt … da sind sie absolut liberal.