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Bevölkerungsentwicklung


Dass der allgemeine Wohlstand eines Landes durch sinkende Einwohnerzahlen gefährdet werden kann, ist eine ungewöhnliche Sicht der Dinge, denn die Geschichte lehrt das Gegenteil. Ein drastisches Beispiel sind die Pestepidemien des ausgehenden Mittelalters. Ganze Landstriche wurden entvölkert, Hunderttausende starben. Grundstücke und Ackerflächen und damit auch das Nahrungsangebot verteilten sich auf weniger Köpfe. Pro Person wurde mehr Kapital gebildet, der Lebensstandard in Europa stieg. Wirtschaftshistoriker haben die Pest als eine der Voraussetzungen für die Entstehung des Frühkapitalismus bezeichnet.

Schnell wachsende Bevölkerungen galten als Gefahr für den Wohlstand eines Landes. Und tatsächlich sind junge, kinderreiche Gesellschaften bis heute meistens arm – Länder wie Bangladesch oder Indien sind Beispiele dafür.

Auch in wohlhabenden Ländern ist der Zusammenhang zwischen Wachstum und Bevölkerungsrückgang nicht so eindeutig. Die Menschen haben weniger Kinder und sie geben demzufolge weniger für die Unterstützung ihrer Familien aus. Darum können mehr Kapital bilden. Das müssen sie auch tun, wenn sie im Alter nicht in Schwierigkeiten geraten wollen. Das gilt vor allem für diejenigen, die nicht erben. Denn es ist nur rechnerisch so, dass in einer schrumpfenden Gesellschaft jeder Überlebende mit mehr Kapital rechnen kann. Denn in einer Erbengesellschaft wird das Vermögen ungleich verteilt. Diese Ungleichheit potenziert sich mit jeder Generation.

In den meisten europäischen Ländern werden in Zukunft zwei Faktoren zusammenwirken: Der Rückgang der Bevölkerung und ihre Alterung, verursacht durch den Anstieg der Lebenserwartung. Ökonomisch bedeutungsvoll ist vor allem der zweite Faktor. Der Bevölkerungsrückgang ist nur dann bedrohlich, wenn er so abrupt geschieht wie derzeit in Ostdeutschland. Dort wirkt vieles zusammen: Abwanderung wegen schlechter Wirtschaftsdaten, ein Strukturwandel binnen sehr kurzer Zeit, falsche Zukunftsinvestitionen. Bei langen Übergangszeiten ist Schrumpfung eher zu bewältigen. Viele europäische Länder sind wesentlich dünner besiedelt als Deutschland und kommen deshalb mit dem demografischen Wandel und seinen Auswirkungen besser zurecht.

Entscheidend für die ökonomischen Folgen des demografischen Wandels sind einerseits die Kosten der Alterung, andererseits die Wachstumskräfte. Beides lässt sich nicht gegeneinander aufrechnen. Die Kosten lassen sich ermitteln, aber die eventuellen Chancen der Wachstumskräfte sind ein Buch mit sieben Siegeln.

Nur wenige sprechen von den möglichen positiven Wirkungen des demografischen Wandels. Ruhiger und vor allem friedfertiger werde das gealterte Land sein. Weniger Kriminalität, weniger gewalttätige Aggression, weniger sinnlose Hektik, denn das sind die Merkmale einer jungen Gesellschaft.

Deutsche Politiker denken zuerst an Renten, an Frühpensionäre, an Zuwanderung und an Familienpolitik, wenn über den demografischen Wandel gesprochen wird. Amerikaner diskutieren über die Finanzierbarkeit des Gesundheitssystems, über Alzheimer, über Einwanderer und über geostrategische Fragen.

Das liegt auch daran, dass die Vereinigten Staaten tatsächlich ein echtes Einwanderungsland sind, das seinen Zuwanderern vor allem anderen Raum und damit Entwicklungsmöglichkeiten bieten kann. Die nach den USA strebenden Menschen sind jung, die amerikanische Geburtenrate ist hoch und Überalterung ist für die nordamerikanische Gesellschaft noch kein Problem. Den US-Administrationen geht es bei ihren Diskussionen über die demografische Entwicklung mehr darum, ob ein schrumpfendes Europa auf Dauer ein verlässlicher Partner ist.

Sinkende Geburtenraten in Verbindung mit einer steigenden Nachfrage nach jungen Arbeitskräften bedeuten zwangsläufig kleinere Streitkräfte. So denkt die nordamerikanische Außenpolitik. Zwar kann die Wirtschaft eines Landes trotz rückläufiger Bevölkerung weiter wachsen, wenn die Produktivität der Bevölkerung sehr hoch ist. Aber alle Fixkosten werden zu einer Herausforderung – weil diese gleich bleibenden Kosten auf immer weniger Köpfe verteilt werden müssen. Und die nationale Verteidigung ist immer das klassische Beispiel für Einsparungen.