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Arthur Koestler Anscheinend muss an einem bestimmten Punkt der Evolution des homo sapiens irgendetwas schief gegangen sein. Die Instinktsicherungen sind durchgebrannt. Aber wenn wir fragen, was da fehlgeschlagen ist, erhalten wir meist die banale und herkömmliche Antwort, alles Böse habe seinen Ursprung in der Selbstsucht, Habgier und Aggressivität des Menschen. Diese Erklärung wurde uns in den letzten dreitausend Jahren von hebräischen Propheten, indischen Weisen, christlichen Moralisten und modernen Psychoanalytikern immer wieder an den Kopf geworfen; aber ich muss in aller Bescheidenheit sagen, dass mich die Antwort nicht überzeugt und dass sie im Widerspruch zu den Tatsachen der Geschichte steht. Die Geschichte lehrt vielmehr, dass bei den Katastrophen der Vergangenheit und Gegenwart die Aggressivität des Individuums aus selbstsüchtigen Motiven eine unerhebliche Rolle spielt, verglichen mit der selbstlosen Treue und Ergebenheit zum Stamm, zum Staat, der Hingabe an einen religiösen Glauben oder an eine politische Ideologie. Stammeskriege, Völkerkriege, Bürgerkriege, Religionskriege, Weltkriege wurden nicht aus individuellen, sondern aus vermeintlich gemeinschaftlichen Interessen geführt, zur Entscheidung von Streitpunkten, die mit dem persönlichen Interesse der einzelnen Kämpfenden wenig oder nichts zu tun hatten. Zweifellos war die Lust an Raub und Vergewaltigung für eine kleine Zahl oft ein fröhlicher Ansporn; doch für die große Mehrheit war das Grundmotiv die fanatische Treue – bis zur Selbstaufopferung – zu Gott, Kaiser und Vaterland; zu einer Fahne, zu einem Führer, zu einer Gemeinschaft. Mit anderen Worten, die Bedrohung des Menschen scheint nicht daher zu stammen, dass er eine übermäßig angriffslustige Kreatur, sondern dass er eine ungewöhnlich treue und ergebene Kreatur ist. ■ Die meisten heutigen Theorien über politische Verhaltensweisen beruhen auf einem merkwürdigen Paradoxon. Es ist allgemein bekannt, dass Massen dazu neigen sich unvernünftig zu betragen (man spricht von „Massenhysterie", „Massenhass" usw.). Ebenso allgemein ist es bekannt, dass auch Individuen häufig gegenüber sexuellen Problemen oder in ihren Beziehungen zu Familienangehörigen, Vorgesetzten und Untergebenen auf irrationale Weise reagieren. Während wir aber ohne weiteres zugeben, dass sich Massen in politischen Angelegenheiten wie Neurotiker verhalten und dass Individuen in ihrem Privatleben allerlei Komplexe aufzuweisen haben, klammern wir uns an die seltsame Illusion, dass der Durchschnittsbürger, auf sich allein gestellt, ein politisch vernünftiges Wesen sei. Die ganze Art und Weise, in der wir ein demokratisches Staatswesen betreiben, beruht auf dieser implizite gemachten Annahme. Dieser dogmatische und unbegründete Glaube an die politische Rationalität des Einzelnen ist letzten Endes der Grund, weshalb Demokratien sich gegenüber ihren totalitären Gegnern immer in der Defensive befinden, und zwar nicht in physischer, sondern auch in psychologischer Hinsicht. Denn aller Augenschein deutet darauf hin, dass der Mensch des 20.Jahrhunderts ein politischer Neurotiker ist. Die Totalitaristen haben das von Anfang an begriffen. Sie sind die Todeskräfte, die unsere Zivilisation bedrohen. Da der Tod von der Krankheit lebt, ist er ein guter Diagnostiker. Wenn wir überleben wollen, müssen wir ebenfalls gute Diagnostiker sein. Man kann aber niemals zu einer richtigen Diagnose gelangen, wenn man a priori von der Annahme ausgeht, der Patient sei gesund. Dies Vertrauen in die politische Vernünftigkeit und Rationalität des Individuums ist uns im Zeitalter der Aufklärung durch eine lange Reihe von französischen, deutschen und englischen Philosophen eingeimpft worden – durch die Enzyklopädisten, Marxisten, Benthamiten, Oweniten und Fortschrittsgläubigen aller Schattierungen. Sigmund Freud und seine Nachfolger haben diesen optimistischen Glauben an den Menschen als vernünftiges Wesen in einem Teilbezirk zerstört. Wir erkennen heute die Tatsache an, dass unsere sexuelle Libido unterdrückt und verkrampft ist. Doch es wird Zeit zu begreifen, dass unsere politische Libido mindestens ebenso Komplexbeladen, verdrängt und verdreht ist.
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