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Arbeit als Grundlage


Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass es sehr gegensätzliche Auffassungen über den Begriff „Arbeit" gegeben hat. Für die griechischen Philosophen der Antike war das werktägliche Tun nur sinnvoll als Muße, der denkenden Ruhe und der Kontemplation. Arbeit geschah nur um der Muße willen. Sie lebten in einer anderen Zeit: 10 Prozent der Menschen in den griechischen Stadtstaaten waren Bürger, 90 Prozent waren Heloten (Sklaven). Da ist es leicht Arbeit, als Muße zu betrachten.

Die Entwicklung der Schrift im alten Ägypten markierte die Trennung zwischen körperlicher und geistiger Arbeit. Schreiben konnte nur eine kleine Minderheit, vor allem die Herrschenden. Alles Geschriebene war im Einklang mit der göttlichen Weltordnung, was die Sonderstellung des Schriftkundigen erklärte. Während der König ruhen durfte, musste sein Volk Fronarbeit leisten.

Im Römischen Kaiserreich der Zeitenwende hatte die griechische Kultur prägende Spuren hinterlassen. Muße bedeutete in der griechischen und lateinischen Wortgeschichte, Schule, Stätte der Bildung. Im Gegensatz dazu wird in beiden Sprachen die Arbeit als "Un-Muße" (neg-otium) bezeichnet. Die körperliche Arbeit galt als eine niedere Tätigkeit. Wichtigste Arbeitskraft war der Sklave. Bis weit ins christliche Mittelalter beeinflusste der griechische Körper-Geist-Dualismus mit seiner Geringschätzung der körperlichen Arbeit das Denken.

An die von Aristoteles entwickelten Gedanken von Muße und Arbeit knüpft die christlich-abendländische Lehre an. Sie unterscheidet vita contemplativa und vita activa. Aktivsein und Betrachtung der eigenen Existenz sind aufeinander bezogen. Ohne diese Betrachtung - verstanden als die Erkenntnis des Guten - bleibt jedes aktive Tun sinn- und ziellos. So das Denken der damaligen Zeit, im Wesentlichen bezogen auf klösterliches Leben und Arbeiten. In den Klöstern bildeten sich die Normen für die Organisation größerer Gemeinwesen.

Im frühen Mittelalter zeigten sich die Veränderungen, die das Christentum als ursprüngliche Sklavenreligion hin zu einer feudalistischen Gesellschaftsauffassung genommen hat. Die Kirche wurde in dieser Zeit zu einem Instrument der Herrschaftsausübung.

Im Gebrauch und im Nutzen der Arbeit zeigte sich auch die Zweiteilung der abendländischen Menschheit: die „oben" und die „unten". Die unten mussten für sich und für die oben arbeiten. Die Geschichte, so wie wir sie kennen, wurde von denen geschrieben, die „oben" standen. Ihr eigener Wert orientierte sich am „Unwert" jener, die unten standen.

Die Spannung zwischen weltlicher vita activa und geistlicher vita contemplativa löste erst Benedikt von Nursia Anfang des 6.Jahrhunderts mit seiner Regel: "Ora et labora". Damit brachte er Gebet und Arbeit erstmals in eine positive Beziehung.

Deshalb darf nicht vergessen werden, dass das Christentum ursprünglich eine Religion der Menschen „unten" und der Sklaven war. Erst die Theologie von Augustinus und Thomas v.Aquin hat den Begriff „Verantwortung" als maßgebliche Grundforderung des Christentums eingebracht.

Die „Verantwortung des einzelnen" war es schließlich auch, die die aus dem Altertum überkommenen Gesellschafts- und Herrschaftsstrukturen aufbrachen und unter anderem zur Reformation und letztlich auch zur materialistischen Philosophie (Marx, Feuerbach u.a.) führten.

In der Neuzeit wurde allein das Aktivsein zum wesentlichen Merkmal des Menschseins. Den Prolog des Johannes-Evangeliums "Im Anfang war das Wort" übersetzte Goethe in seinem Faust mit "Im Anfang war die Tat".

In Anlehnung an Descartes könnte das heißen: Ich arbeite, also bin ich. Der Mensch definiert sich durch seine geleistete Arbeit, also durch die Summe seiner Fähigkeiten und Eigenschaften. Das bedeutet: Wenn er nicht arbeitet, hat er keinen Selbstwert.