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John Kenneth Galbraith
Gesellschaft im Überfluss

Der amerikanische Romancier, Präsidentenberater, Diplomat, Sozialkritiker und Ökonom John Kenneth Galbraith ist ein Freund satirischer Zuspitzung: "Die Familie, die ihr lilakirschrotes, automatisch geschaltetes, automatisch gebremstes, mit raffinierter Luftheizung und -kühlung ausgestattetes Auto aus der Garage holt, um einen Ausflug zu machen, fährt durch Orte mit schlecht gepflasterten und ungereinigten Straßen, verfallenen Häusern, scheußlichen Reklameschildern und Hochspannungs- oder Telegrafenmasten, deren Leitungen man längst schon unter die Erde hätte verlegen müssen." Die Familie genießt "am Ufer eines verdreckten Flusses die köstlichen Konserven aus der transportablen Kühlbox und übernachtet dann auf einem Parkgelände, das für die Volksgesundheit und öffentliche Moral eine Gefahr ist".

Dies ist nur ein Beispiel, mit dem der 1908 geborene Galbraith in dem Buch The Affluent Society seine These vom Übermaß privater Güter und dem Mangel öffentlicher Dienste illustriert. Das 1958 erschienene Werk wurde gleich ein Bestseller, ein Jahr später erschien die deutsche Ausgabe unter dem Titel Gesellschaft im Überfluß. Nicht nur wegen seiner populärwissenschaftlich geschriebenen Texte, auch als linker Exponent ist der Autor ein Außenseiter der meist konservativ geprägten Ökonomenzunft.

Er stellt das Streben nach wachsender Produktion, nach einer expandierenden Volkswirtschaft infrage und setzt sich für einen aktiven Staat ein. Seine Sorge gilt der Lebensqualität, der Zusammensetzung - nicht dem Umfang und Zuwachs - des Sozialprodukts. In der Neuauflage des Buches von 1998 untermauert der US-Ökonom seine Thesen mit aktuellen Beispielen.

Galbraith kritisiert, dass alles wirtschaftliche Handeln in den westlichen Industrieländern von Überzeugungen bestimmt wird, die der Vergangenheit angehören. Bis zum 19. Jahrhundert mag es sinnvoll gewesen sein, Hunger und Not durch steigende Produktion zu bekämpfen. Heute dagegen sei Hunger für die Menschen in den Vereinigten Staaten und Europa kein vordringliches Problem mehr. Die Güter werden im Überfluss produziert, und die Nachfrage nach ihnen müsse durch Werbung künstlich geschaffen werden. Das heißt, die Gesellschaft schafft die Bedürfnisse selbst, die sie dann glaubt befriedigen zu müssen.

Dabei verlieren die Güter mit steigender Produktion an Wert. Nach der vorherrschenden Theorie vom abnehmenden Grenznutzen wird der zusätzliche Nutzen eines Produkts umso geringer, je mehr Exemplare die Menschen davon kaufen: Das Zweitauto hat einen geringeren Grenznutzen als das erste Auto. Trotz des nachlassenden Nutzwertes der Güter müsse in der Gesellschaft die Produktion immer weiter steigen, um die soziale Stabilität nicht zu gefährden. Steigende Produktion sichert Arbeitsplätze und Einkommen und bildet damit eine Alternative zur staatlichen Umverteilung: Statt von den Reichen zu nehmen, damit die Armen mehr haben, wird die Produktion gesteigert, damit es allen besser geht. Nicht davon profitieren würde allerdings die unterste Schicht der Gesellschaft, sagt Galbraith. Das bliebe jedoch weitgehend unbeachtet, weil die Ärmsten ohne Lobby seien.

Das eigentliche Ziel der Produktion, die Versorgung der Menschen, habe die Gesellschaft aus den Augen verloren. Längst sei Mehrproduktion zum Selbstzweck geworden. Er vergleicht dies mit Spendensammlern, die weiterhin um Geld für einst benötigte Krankenhäuser bitten, ohne zu merken, dass Chefärzte schon Menschen überfahren, um Betten zu belegen.

Bereits 1958 warnt der US-Ökonom vor den verheerenden Folgen des Wachstums für Natur und Menschen. Deshalb verlangt der Freund und Berater von John F. Kennedy Taten von den Regierenden: "Nichts ist in unserer Wirtschaftspolitik so stark ausgeprägt wie die Tendenz, abzuwarten und zu sehen, ob sich die Dinge nicht von selbst verbessern."

Besondere Aufmerksamkeit widmet Galbraith den Gefahren der Inflation - in einer Wirtschaft, die im Unterschied zu den Auffassungen der Neoklassiker nicht durch machtlose Unternehmen, die ihre Preise nur dem Markt anpassen können, sondern durch Preise setzende Großkonzerne geprägt ist. In seiner Fürsorge für die wirtschaftlich Schwächeren plädiert er für Lohn- und Preiskontrollen als angemessenes Mittel - er weiß, dass er mit dieser Forderung auf ideologische Vorbehalte trifft.

Kleine und mittlere Unternehmen sowie deren Beschäftigte sind Preissteigerungen wehrlos ausgesetzt, argumentiert Galbraith. Große Unternehmen, die vorwiegend auf oligopolistischen Märkten agieren, könnten sich dagegen durch Absprache höherer Preise schützen.

Nach der heute vorherrschenden ökonomischen Lehre hilft gegen Inflation nur eine Politik des knappen Geldes, das heißt der hohen Zinsen. Benachteiligt seien davon wiederum in erster Linie die kleinen und mittleren Firmen. Sie bekommen schlechtere Konditionen für Kredite und können höhere Kosten nicht auf Kunden abwälzen. Letztlich leiden aber auch große Unternehmen unter einer durch Geldverknappung verursachten Wirtschaftsflaute.

Würde der Staat die Steuerpolitik als Mittel gegen die Inflation nutzen, wären zwar große und kleine Firmen gleichermaßen betroffen. Doch während die Öffentlichkeit durchaus bereit ist, in einer Depression die Steuern zu senken, um die Wirtschaft anzukurbeln, würde sie Steuererhöhungen zur Bekämpfung von Inflation nicht akzeptieren.

Das Missverhältnis zwischen öffentlichen und privaten Gütern ist ein anderes zentrales Thema für Galbraith. In seiner Theorie des "sozialen Gleichgewichts" fordert er eine Balance zwischen dem, was eine Gesellschaft produziert, und dem, was sie konsumiert. Zudem müssen mit dem wachsenden Wohlstand auch die öffentlichen Ausgaben steigen. Es sei nicht einzusehen, warum die Gesellschaft einen Staubsauger für den Privathaushalt gutheißt, während sie die Gelder für die Straßenreinigung mit Misstrauen betrachtet. Der Staat sollte in Ausbildung und Polizei investieren, vor allem aber mehr Geld für Schulen und Universitäten bereitstellen. Galbraith will Bildung allen Schichten der Gesellschaft zugänglich machen und mit der wachsenden geistigen Potenz den Fortschritt sichern. Auf diese Weise können möglichst viele Menschen in die "neue Klasse" aufsteigen, die sich nicht mehr abplagen will, sondern in ihrer Arbeit Freude und Verwirklichung sucht.

Da die Steigerung der Produktion nicht mehr notwendig ist, spricht sich der Wissenschaftler auch für hohe Arbeitslosengelder aus. Er sieht darin ein Mittel, die soziale Sicherheit von der Produktion abzukoppeln. Eine Gesellschaft im Überfluss kann es sich seiner Ansicht nach leisten, auch jene zu bezahlen, die nicht arbeiten. Schließlich sei die Gesellschaft nicht auf ihre Arbeit angewiesen.