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James Tobin
Grundsätze der Geld- und Staatsschuldenpolitik

Nach der jüngsten Asienkrise machte sie wieder einmal Furore: die Tobin Tax. Experten stritten darüber, ob die von dem amerikanischen Ökonomen James Tobin schon vor gut zwei Jahrzehnten vorgeschlagene Steuer auf Devisenumsätze den Crash in Fernost hatte verhindern können. Nach dem Willen ihres Erfinders soll eine solche Steuer als Sand im Getriebe der internationalen Finanzmärkte wirken und überzogene Spekulation verhindern. obwohl sich das Konzept bisher nicht durchgesetzt hat, hat die in jeder Finanzkrise wieder auflebende Debatte um die Tobin-Steuer den Namen des US-Wissenschaftlers einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht.

In der Ökonomenzunft ist das Renommee des 1918 geborenen Wissenschaftlers durch seine Beiträge zur Portfoliotheorie begründet - das Portfolio ist das gesamte Vermögen eines Haushaltes oder Unternehmens (Bargeld, Wertpapiere, Grundstücke, Maschinen), und die Portfoliotheorie beschreibt, wie Anleger ihr Vermögen für sich am vorteilhaftesten aufteilen und ihre Ersparnisse investieren. Nach seinen Analysen, für die Tobin 1981 - gemeinsam mit Harry Markowitz - den Nobelpreis erhielt, lassen sich Anleger von zwei Kriterien leiten: von der Höhe des Ertrags (wobei der Ertrag desto höher ist, je größer das Risiko ist) und vom Gesamt-Umfang der eingegangenen Risiken.

Dieses Verhaltensmuster kann sich der Staat zunutze machen und mit seiner Schuldenpolitik die Konjunkturentwicklung steuern. In der 1963 erschienenen Schrift Grundsätze der Geld- und Staatsschuldenpolitik wendet er seine Theorie zur Optimierung des staatlichen Schuldenmanagements und damit zur Steuerung der Wirtschaftsentwicklung an. Tobin hat das Werk ursprünglich als eine Art Lehrbuch für die amerikanischen Kongressabgeordneten geschrieben.

Wie der deutsche Buchtitel andeutet, gehören für Tobin Geld- und Schuldenpolitik unauflösbar zusammen, weil sie gemeinsam auf die Geld- und Kreditmärkte und damit auf die ganze Wirtschaft wirken: "Es gibt keine einwandfreie und saubere Möglichkeit. ..das Aufgabengebiet der Zentralbank von dem des Finanzministeriums zu separieren." Ganz anders in Europa. Dort stehen die institutionellen Verhältnisse in offenkundigem Widerspruch zu der These des Nobelpreisträgers. Haushalt und Verschuldung liegen in der Hand von Regierung und Parlament der einzelnen EU-Länder. Für die Geldpolitik ist dagegen die unabhängige Europäische Zentralbank (EZB) zuständig. Eine solche Arbeitsteilung hält Tobin für wenig effektiv und insbesondere dann für problematisch, wenn keine wechselseitige Rücksichtnahme und Koordination stattfindet.

Auch die Aufgaben der Zentralbanken in den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union unterscheiden sich. Die EZB sieht sich nur dem Inflationsziel verpflichtet, während die Federal Reserve sowohl die Sicherung der Kaufkraft als auch das Beschäftigungsziel im Auge hat. Zudem arbeitet sie mit dem Finanzministerium wesentlich enger zusammen. Das Jobwunder in den USA sei nicht zuletzt das Verdienst der guten Zusammenarbeit der Institutionen, sagte der Wissenschaftler einmal in einem Interview.

Was ist Staatsverschuldung überhaupt? Tobin versteht darunter "die kumulierten Werte der Defizite und Überschüsse des Staatshaushaltes in der Vergangenheit". Wie John Maynard Keynes glaubt auch er, dass der Ansatzpunkt für ein Eingreifen des Staates die private Nachfrage sei. Durch gezielte Steuerung der Struktur der Staatsverschuldung ließen sich Haushalte und Unternehmen zu einem gesamtwirtschaftlich günstigeren Investitionsverhalten bewegen. Aktive Schuldenpolitik könne daher, richtig angewendet, ein wirkungsvolles Mittel zur Konjunkturstabilisierung sein.

Die Staatsverschuldung hat laut Tobin zwei Wirkungen auf die Gesamt-Wirtschaft. Erstens den schon von Keynes beschriebenen Impuls auf dem Gütermarkt mit der Folge, dass sich die inländische Produktion erhöht. Für wichtiger hält Tobin zweitens aber den monetären Effekt. Dieser sei dauerhaft und wirke über den Zins auf die Höhe und Zusammensetzung des privaten Vermögens. Wie stark, das hänge maßgeblich von der Struktur der Verschuldung ab.

Da laut Tobin die privaten Unternehmen und Haushalte ihr Vermögen nach einem bestimmten Muster ordnen, reagieren sie, wenn sich die Renditemöglichkeiten einzelner Vermögenswerte verändern: Sie werden dann so lange Werte kaufen oder verkaufen, bis das ursprüngliche Risikoprofil ihres Vermögens wiederhergestellt ist. Aus der Sicht der Geld- und Schuldenpolitik bedeutet das: Wenn der Staat Investitionen in Maschinen und Produktionsanlagen anregen will, um die Konjunktur anzukurbeln, muss er dafür sorgen, dass die Renditen von Finanzanlagen sinken. Je niedriger die Zinsen für Staatsanleihen und Schatzbriefe sind, desto attraktiver wird es für die Privaten, in Sachanlagen zu investieren.

In seinem Buch, das Tobin vor dem Hintergrund der amerikanischen Finanzmärkte Anfang der sechziger Jahre geschrieben hat, buchstabiert der Autor alle Möglichkeiten der Steuerung durch, beispielsweise über die Laufzeit der Staatspapiere. In der Rezession müsse der Staat in Richtung kurzfristiger Titel umschulden. Das geschieht, indem der Staat langfristige Schulden vorzeitig zurückzahlt oder seine eigenen Papiere zurückkauft und mit kürzeren Laufzeiten versieht. Wenn dann mehr kurzfristige Papiere auf dem Markt sind, sinkt deren Zins, und das Interesse der Anleger richtet sich wie gewünscht -verstärkt auf Sachinvestitionen.

Tobin nennt aber auch eine Möglichkeit, wie der Staat bei seinen Anleihen den Anlegern das Risiko eines künftigen Verfalls der Kaufkraft abnehmen kann, das eine desto größere Rolle spielt, je länger die Laufzeit ist. Dieses Risiko ließe sich vermeiden, indem man eine "Erweiterung der Speisekarte der verfügbaren finanziellen Vermögensanlangen" in Form einer Staatsanleihe mit Wertsicherungsklausel zuließe. Damit hätte die Anleihe -eine eingebaute Versicherung gegen Schwankungen des Preisniveaus.

Tobin behandelt zudem eine Vielfalt weiterer Instrumente - etwa auch den Diskontsatz. Er beklagt, dass der Diskontsatz nur noch psychologische Wirkung habe. Diese Entwicklung hält der US-Ökonom für zu wenig kontrollierbar. "Es ist klar, dass man sich schnell in das Netz eines Spiels mit unendlicher Rückkopplung zwischen der Zentralbank und dem Markt verstricken kann." Die Europäische Zentralbank verwendet im Gegensatz zur früheren Politik der Bundesbank keinen Diskontsatz mehr.

Weiterhin schätzte Tobin damals Veränderungen der Mindestreservesätze als ein "äußerst kraftvolles Instrument" ein. Danach müssen Banken einen bestimmten Anteil der Einlagen ihrer Kunden als unverzinsten Betrag bei der Zentralbank hinterlegen. Erhöht diese nun die Mindestreservesätze nur um einen geringen Prozentsatz, können die Banken weniger Geld in Umlaufbringen. Diese Methode zur Verringerung der Geldmenge sei für die Zentralbank billiger, als wenn sie sich übet verzinste Anleihen verschulde. Die EZB hat allerdings heute nur noch einen Mindestreservesatz zwischen null und zwei Prozent. Überdies verzinst sie die bei ihr hinterlegten Reserven

Trotz der zahlreichen Möglichkeiten, die der amerikanische Ökonom der Schuldenpolitik zuschreibt, hält er eine ausufernde Staatsverschuldung nicht für wünschenswert. "Es ist deshalb folgerichtig, von den Instanzen der Geld- und Staatsschuldenpolitik zu verlangen, sie mögen ihre stabilisierungspolitischen Aufgaben auf eine Weise erfüllen, welche die Belastung der Steuerzahler so gering wie möglich macht."

Andererseits lehnt Tobin eine bedingungslose Sparpolitik mit dem Ziel, das Staatsdefizit massiv zurückzuführen, ab. Sein Urteil übereine solche "orthodoxe Finanzpolitik", die ein ausgeglichenes Budget über wirtschaftspolitisch wichtigere Ziele wie Vollbeschäftigung, Wirtschaftswachstum, Gerechtigkeit der Einkommens- und Vermögensverteilung stelle, ist wenig schmeichelhaft: Die Maxime, nach einem ausgeglichenen Haushalt zu streben, entbehre "einer ökonomischen Logik".